Vom Autor ertappt

- "Sie sind zweiundzwanzig, und ich bin fast doppelt so alt." So Arkadina am Beginn des zweiten Akts von Anton Tschechows "Die Möwe" zu Mascha. Und dennoch staunt der Theatergänger, wenn die Rolle auf einmal mit einer genauso jungen Schauspielerin besetzt wird. "Ich bin nicht zu jung dafür!", protestiert daher Sylvana Krappatsch, Salzburgs Arkadina in der Inszenierung Falk Richters, die am 26. Juli im Landestheater Premiere hat.

Zum ersten Mal ist es Sylvana Krappatsch passiert, dass sie dasselbe Stück zum zweiten Mal spielt. Vor acht Jahren noch in der Rolle des Mädchens Nina, Muse und Geliebte von Arkadinas Sohn Trepljow, und jetzt eben eine Generation weitergerückt. Auch wenn man das der zierlichen, zerbrechlich wirkenden Frau gar nicht glauben mag. "Die Nina? Nee, da bin ich schon längst drüber hinaus." Was daran liegen mag, dass Sylvana Krappatsch inzwischen Mutter eines zweijährigen Sohnes ist. Oder an ihren Vorlieben: "Mir ist immer schwer gefallen, junge Frauen zu spielen", sagt sie.<BR><BR>Derzeit ist Sylvana Krappatsch am Zürcher Schauspielhaus engagiert, war dort zuletzt in der Dramatisierung von Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" zu erleben, ist auch bei Castorf in Berlin aufgetreten und wird übernächste Saison an die Münchner Kammerspiele kommen. "Im Studium wollte ich immer die alten Schrullen. Am Potsdamer Hans-Otto-Theater musste ich mal Schneewittchen sein, das war für mich der reine Horror."<BR><BR>Schonungslos wissend zeichnet Tschechow in der "Möwe" den Charakter der Schauspielerin Arkadina, die ihren Geliebten, den Schriftsteller Trigorin, an die viel jüngere Nina verliert. Und Sylvana Krappatsch gibt unumwunden zu, wie sehr sie sich vom Autor ertappt fühlt, dass ihr erst jetzt, während der Probenphase, aufgeht, wie genau die Eigenheiten ihrer Zunft abgebildet werden. "Es ist härter und böser, als ich es beim Lesen oder Schauen erlebt habe. Aber wenn man sich dem stellt, macht es wiederum wahnsinnigen Spaß." Im übrigen sei es "extrem schwierig gewesen", eine Rolle zu übernehmen, die von vielen berühmten Kolleginnen geprägt wurde - was aber Sylvana Krappatsch offenbar nicht sonderlich schreckt. Wie es überhaupt scheint, dass sie aus Kniffligem, Kompliziertem erst Kraft schöpft. Zum Beispiel beim leidigen Thema Texthänger. "Ich finde solche Momente spannend. Für mich ist es das Allerschrecklichste, wenn die Souffleuse mit dem Text kommt. Dann weiß ja alle Welt, dass ich ein Problem habe. Lieber laufe ich minutenlang auf und ab. Und sind wir doch mal ehrlich: In solchen Momenten fangen manche Aufführungen erst an zu leben."<BR><BR>Sylvana Krappatsch beschreibt Arkadina als "depressiv-monströs". Eine Frau, die sich emotional völlig abschotte. Wie es mit ihr wohl nach dem Fallen des Vorhangs weitergeht? "Vielleicht versteinert sie. Oder kriegt Alzheimer, und alles von früher kommt hoch. Dann haben die Leute im Heim aber nichts zu lachen."<BR><BR>

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