Autor Kahn: Zwischen Kafka und Konsalik

- München - Gäbe es mit Bücher schreiben mehr Geld zu verdienen als mit Profifußball, hätte man das alles für eine perfekte Kampagne halten können: Am Samstagnachmittag greift Oliver Kahn im Spiel gegen Werder Bremen fatal daneben, am Abend macht er Schluss mit seiner Freundin Verena, am Montag erscheint die große Spiegel-Geschichte "Die Marke Kahn", und drei Tage lang gehört dem Torwart-Titan die Seite 1 der Bild-Zeitung. Alles führte punktgenau hin zum gestrigen Erscheinen seines Buches ("Nummer eins", Droemer-Verlag, 176 Seiten, 14,90 Euro) mit live in N 24 übertragener Präsentation im Münchner Literaturhaus.

<P>Nach einer Stunde hört man das Trillern von Pfeifen bis hinauf in den Saal im dritten Stock, unten auf der Straße ist mal wieder Studentenaufmarsch. "Jetzt wird gegen das Buch schon demonstriert", sagt Oliver Kahn. Der Gag ist gut. Besser als die mit Layout-Kniffen, Bildern und großzügiger Schrift auf Format gestreckten "Reflexionen", wie Kahn die Abschrift seiner auf Tonband gesprochenen Anmerkungen zur Person nennt. Gleichwohl: Kahn ist Kahn, und Kahn sells. Der Verlag erwartet Platz eins der Buchverkaufsliste.</P><P>Schauspielerin Senta Berger sagt: "Dieses Buch ist klar, gescheit, uneitel, schnörkellos, ohne den Versuch, nach mehr zu wirken, als es ist" - so schön kann man Belanglosigkeit natürlich auch definieren. Die Berger hat die Buchvorstellung moderiert, sie ist zuvor mit Olli Kahn Abendessen gegangen, und nun liest sie Passagen aus "Nummer eins" vor, weil es zu ulkig klingen würde, wenn Kahn es in seinem badischen Singsang täte. Senta Berger kann noch in naiver Ehrlichkeit staunen über diese Fußballbranche und deren Leistungsversessenheit. "Immer Erster sein zu wollen, das ist doch unnatürlich", meint sie, "man kann doch auch mit Würde Zweiter oder Dritter sein." Da muss Kahn süßlich lächeln, denn wenn nicht dieser hohe Anspruch wäre, gäbe es ihn nicht, den FC Bayern nicht, dieses Buch nicht. </P><P>Und es heißt Nummer eins, "weil es die Nummer ist, die ich trage, seit ich fünf bin, und weil das Nummer-eins-sein-müssen mich seit zehn Jahren in München und in der Nationalmannschaft bestimmt."</P><P>Die Teamkollegen hätten seine schreiberischen Ambitionen "sehr flachsend" aufgenommen, gesteht Kahn. Doch für ihn war der Buchentstehungsprozess eine ernsthafte Sache. "Vieles, was ich verdrängt hatte, musste ich nun verarbeiten." Die große Seelen-Reinigung. Kahns Katharsis.<BR><BR>Er hat sich auch mit seinen Ängsten befasst: Wie könnte es sein ohne Fußball? "Die Identität ist mit einem Schlag weg. Ich weiß, ich werde in diesem Moment erst gegen die eine Wand rennen, dann gegen die andere. Die Tür, nach der ich suche, wird nicht so leicht zu finden sein." Kahn will wie Kafka klingen.<BR><BR>Doch fast alle fahnden in seinem Buch erst mal nach Konsalik-Elementen. Nach Verena, nach Simone, nach der Liebe. Doch das Kapitel "Zuhause" ist noch dünner als alle anderen, nur gut eine Seite lang. Und es endet mit dem nicht sehr literarischen Satz: "Das Privatleben wird sicherlich eine große Herausforderung für mich bleiben." Bei der Buchpräsentation sind vor allem die TV-Boulevardmagazine wie "RTL exklusiv" vertreten - Kahn pariert ihre Fragen: "Es geht heute um mein Buch." - "Dann sagen Sie wenigstens, Oliver, stimmt es, dass Sie gerne James Bond spielen würden?" (wie er in einem Interview gesagt hat) - "Eher den Gegenspieler."<BR><BR>Es ist eine fremdartige Szenerie fürs Literaturhaus, an dessen Aufgängen die Namen großer Schriftsteller verewigt sind. Kahn verbindet nichts mit ihnen: "Ich bin nicht so der Typ, der Romane liest. Ich lese Sachbücher."<BR></P>

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