Autoren hautnah erleben dürfen

- "Scheiß Neutralität", ruft Michael Stauffer, als von den Nachbarständen Beschwerden kommen, die drei jungen Dichter, also Stauffer, Jürg Halter und Raphael Urweider, seien zu laut. Eine gebührende Antwort verbietet sich, denn immerhin vertritt das Trio hier die Schweiz.

<P>"Ich werde die Dichtung<BR>Dressur reiten, nach<BR>meinem Gusto und<BR>meinem Gestus."<BR>Stauffer/Halter/Urweider</P><P>In der Lounge des Alpenlandes in Halle 3 auf der Leipziger Buchmesse ist der Teufel los. Das wundersam skurril-komische Poetry Performance Ensemble nagelt das Publikum sozusagen fest - mehr als so mancher Star. Denn die chorisch-rhythmische Darbietung, das Stampfen der Silben und Wörter, das Singen der Vokale und Konsonanten, der Hintersinn der schwyzerdütschen Verse und die perfekte Unvollkommenheit der drei Jungs ist so alt wie neu, so traditionell wie modern, also genau das, was guter Text zu sein hat. "Ich werde die Dichtung Dressur reiten, nach meinem Gusto und meinem Gestus", heißt es bei den Junglyrikern aus Graubünden einmal. Was sie hier bieten, das ist schon mal die Hohe Schule des ideologie- und zivilisationskritischen Nonsens.</P><P>Die Veranstalter, Messe und Börsenverein, können zufrieden sein. Es waren mehr Besucher denn je in den licht-luftigen Hallen der Leipziger Buchmesse. Lesen hat Konjunktur. Hören, Zuhören ebenfalls. Eigentlich alles, was die eigenen Bilder im Kopf entstehen lässt. So jedenfalls empfindet man es hier angesichts der frei Haus gelieferten, eindimensional beschränkten TV-Bilderflut aus dem nah-östlichen Kriegsgebiet Irak. Und die Autoren hautnah erleben, ihnen zuhören und sie auch befragen zu können, ganz unaufwändig, ganz leger, zusammen mit ihnen über die wichtigen Themen der Gegenwart diskutieren zu dürfen, über die USA, über das neue alte Europa, über Schuld, Sühne und die Vergangenheit, aber auch übers Kochen, übers Lieben, übers Reisen - das alles zusammen macht die große Bedeutung dieser Messe aus.</P><P>Die hier vertretenen Verlage loben die Direktheit des Kontakts, einmal des Kontakts zu den Buchhändlern, der viel stärker, viel unmittelbarer sei als etwa während der Frankfurter Buchmesse; zum anderen die Unmittelbarkeit in der Begegnung mit dem Lesepublikum. Alles, was hier geschieht, findet größten Anklang: ob im Café´ Europa der polnische Erfolgsautor Pawel Huelle, dessen Roman "Mercedes Benz" soeben im Münchner Beck Verlag erschienen ist, zusammen mit der griechischen Schriftstellerin Lena Divani ("Die Erben des Odysseus", dtv) in der stark frequentierten Reihe "Neues Europa - alte Konflikte" diskutiert oder Kinder eingeweiht werden in die Geheimnisse eines Hörspiels.</P><P>Beachtung aber findet auch, wer sich die Standmiete spart und davon überzeugt ist, höchstselbst die beste Werbung fürs eigene Produkt zu sein. Als sei er eine Erfindung von Botho Strauß - man denke an den Kleinverleger Zacharias Werner in dem Stück "Pancomedia. . ." -, genauso charmant, hemmungslos und unverschämt agitiert der Deutsch-Italiener Ettore Ghibellino aus Weimar auf den Gängen zwischen den Verlagsboxen: Er habe das ultimative Werk über Goethe herausgebracht, an das sich weder die Schulwissenschaft der Literatur noch die Literaturkritik heranwage, weil es die gesamte Goethe-Forschung auf den Kopf stellen, für null und nichtig erklären würde.</P><P>Denn, so die rasende Erkenntnis des selbstdarstellerisch begabten Vermarktungs-Tausendsassas: Faustens Goethe liebte sein Leben lang nur eine Frau - und das war Anna Amalia, Weimars kluge Herzogin: "Eine verbotene Liebe". Daraus folgt, agitiert laut und bescheiden der pfiffige Herr Ghibellino jeden Vorübergehenden, ob der will oder nicht: Goethes komplettes Werk sei neu zu interpretieren. Der Größenwahn hat hier Charme und Methode und kommt sympathischer daher als manch hofierter Größenwahnsinniger, dem die Branche, weil sie an ihm verdient, einredet, ein Schriftsteller zu sein.</P><P>So heiter-absonderlich und auch alternativ die eine Seite der Leipziger Buchmesse, so nobel, elitär und perfekt die andere. Im Gohliser Schlösschen wurde der von Blue Capital, einem Unternehmen der HypoVereinsbank-Gruppe, Italo-Svevo-Preis verliehen. Mit dieser seit drei Jahren existierenden Auszeichnung (15 000 Euro) wird jeweils ein Schriftsteller geehrt, dessen Werk bislang nicht die Anerkennung und Aufmerksamkeit genießt, die ihm eigentlich gebührt. Eine Differenz zwischen Rang und Ruhm, der sich auch Italo Svevo, dieser große, 1928 gestorbene italienische Autor, ausgesetzt sah.</P><P>Jurorin und Laudatorin Monika Maron sprach diesen Preis Hartmut Lange (66) zu. Der Schlüssel zu Langes Werk sei die Irritation, sei das gänzlich Unmodische: "Er ist ein Solitär in der zeitgenössischen Literatur." Der Autor - zuletzt erschienen: die "Gesammelten Novellen in zwei Bänden" sowie "Irrtum als Erkenntnis. Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller" (Diogenes Verlag) - bedankte sich vor illustrer Gesellschaft von Geld und Geist mit einer glänzenden Rede. Er sprach von der "Metaphysik der Umstände", die dafür verantwortlich seien, warum ein Schriftsteller Erfolg hat, ein anderer nicht. "Es bleibt bei vielen unerklärlich. Das war so, das ist so, und das wird immer so sein." Gewiss aber sei: "Autoren, denen es gegeben ist, die Zeitgeistschranke zu überspringen, verleihen bis heute der Literatur den Glanz." Und edle Namen bringt Lange ins Spiel, von Kleist bis Kierkegaard, Stendhal bis Schopenhauer, Nietzsche, Kafka und Melville.</P><P>Trost und Hoffnung also über die Generationen hinweg _ für Hartmut Lange selbst, den Dramatiker, Prosaschriftsteller und Essayisten, sowie für jene noch Namenlosen, die in den heiligen Hallen der Messe oder am Abend bei den Szene-Lesungen in Leipzig ihrer Entdeckung durch einen Verleger harren. Oder eine potente Geldgebergruppe. Leipzig macht's möglich. <BR><BR></P>

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