Die Autorität der Farbe

- 95 Jahre Leben, 60 Jahre Kunst. Für den Münchner Maler Rupprecht Geiger ist die Farbe Rot tatsächlich zum Lebenselixier geworden. Sie hält nicht nur den Künstler schöpferisch jung, sondern verleiht auch seiner Kunst eine Aura von Zeitentrücktheit. Wie sich Geiger selbst schon vor vielen Jahren über die Gezeiten des Kunstbetriebs erhoben, sich losgelöst hat von den Sogkräften der Tendenzen und Moden, von Stil-Kämpfen und Grüppchenbildungen, von Gefälligkeiten und Rücksichtnahmen, so ist seitdem seine Malerei frei geworden von allen Gebundenheiten. Sie ist klassisch im positiven Sinne. Immer aktuell, immer aussagekräftig, immer leidenschaftlich.

<P>Rupprecht Geiger, der an diesem Sonntag seinen Geburtstag feiert, kommentierte in einem Gespräch mit unserer Zeitung dieses Phänomen so: "Ich habe konsequent mit meinem Werk mein Ziel verfolgt, die Autorität der Farbe zu ergründen, ihre Autonomie, ihren Eigenwert zu zeigen. Ich glaube, ich habe das erreicht."<BR><BR>"Ich habe Farbe zum Element erklärt, zum Element erhoben."<BR>Rupprecht Geiger</P><P>Wer Geigers Weg von der Nachkriegszeit - er war gelernter Architekt und als Maler Autodidakt - bis heute detailliert nachvollziehen möchte, kann jetzt auf den uvre-Katalog aus dem Prestel Verlag zurückgreifen. Das Schönste daran: die 960 Farbabbildungen. Gut und übersichtlich die Dokumentation zur Vita. Initiiert wurde dieses enorm wichtige und leider notwendige Unternehmen von Lenbachhaus-Chef Helmut Friedel und der Rupprecht-Geiger-Gesellschaft, der er vorsteht. </P><P>Denn Geigers Arbeit ist zwar in München allenthalben präsent - nicht nur in Museen, Firmen, öffentlichen Gebäuden, sondern auch im Außenraum -, aber die Heimatstadt nimmt das allzu selbstverständlich hin. Daheim und auf internationaler Ebene wird der Künstler in seinem kunsthistorischen Rang unterschätzt. Lange vor den US-amerikanischen Kollegen brach Rupprecht Geiger die normale rechteckige Bildfläche auf. Revolutionierte damit nachdrücklich das Verhältnis Raum-Wand-Bild-Objekt. Auf der Basis von Wassily Kandinskys und Paul Klees Ideenwelt der Entmaterialisierung des Gemäldes wandte sich der Münchner nach einer Phase von Flächen- und Formenuntersuchungen mehr und mehr der Farbe an sich zu: "Ich führe Farbe zum Licht hin, im Licht wird Farbe authentisch." Und da wurde Rot schon fast zum Synonym für Rupprecht Geiger. Auch hierin ist er weltweit der eigentliche Protagonist.<BR><BR>Für den liebenswürdigen Münchner, der in der Vaterstadt nie an die Akademie berufen wurde, sondern von 1965 bis '75 an der Düsseldorfer Akademie (in einer viel offeneren Atmosphäre) lehrte und Anregungen empfing, ist das Werkverzeichnis ein "persönliches Resümee". Und habe, so Friedel, seinen "ungebremsten Schaffensdrang beflügelt". In der Tat hat Geiger noch im vergangenen Jahr für die Biennale von Sã~o Paulo mehrere riesige Formate geschaffen. </P><P>Überwältigendes in Magenta und Pink, das auch von Geigers Krawatte, ein fröhliches Ausrufungszeichen, leuchtet. "Ich habe Farbe zum Element erklärt, zum Element erhoben." Dieses Lebens-Element trägt Rupprecht Geiger weiter, sodass man im Lenbachhaus laut Helmut Friedel "vergnügt die Ausstellung zum 100. Geburtstag plant".</P><P>"Rupprecht Geiger - Werkverzeichnis 1942-2002. Gemälde, Objekte, architekturbezogene Kunst".<BR>Bearbeitet von Pia Dornbacher und Julia Geiger. <BR>Prestel Verlag, München. 360 Seiten, 960 Farbabbildungen, 95 Euro.<BR><BR>Die Münchner Walter Storms Galerie, Ismaninger Straße 51, eröffnet mit einer Geiger-Ausstellung ihre Filiale in Düsseldorf, Poststraße 2.<BR></P>

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