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Homburg stelle sich „gegen eine Obrigkeit, ohne Böses zu wollen“, sagt Shenja Lacher über seine Figur. 

Shenja Lacher im Interview

„Autoritäten kann ich schlecht akzeptieren“

München - Shenja Lacher über seine Rolle als „Prinz Friedrich von Homburg“ am Münchner Residenztheater, Film-Arbeit und die deutsche Sprache.

Fernsehzuschauer kennen Shenja Lacher aus Krimi-Serien – vom „Tatort“ bis zu den „Rosenheim-Cops“. Seine künstlerische Heimat hat der 1978 geborene Schauspieler aber am Münchner Residenztheater, wo er einer der Stars des Ensembles ist und durch die Eindringlichkeit seiner Darstellung fasziniert. Jetzt spielt Lacher die Titelrolle in Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“, mit dem das Staatsschauspiel heute in die neue Saison startet. Das Stück handelt von Befehl und Gehorsam, aber genau damit hat Lacher so seine Probleme, wie er im Interview erklärt.

Ist der Homburg eine Traumrolle?

Schon, ja, weil er eine so facettenreiche Figur ist, mal verliebter Träumer, mal kalter Karrierist und vieles mehr. Wir wollen in dieser Inszenierung keine Schablone vorführen, keinen leichtfertigen Adeligen, sondern einen grübelnden Menschen, der sich fragt, was hab’ ich denn falsch gemacht. Solche Vorgänge zu zeigen, reizt mich. Ich bin immer skeptisch, wenn der Schauspieler stattdessen nur die Atmosphäre füllen soll. Das kommt auch häufig vor, aber in dieser Aufführung zum Glück nicht.

In dem Stück geht’s um preußische Tugenden wie Gehorsam und Pflichterfüllung. Sie sind als Berliner ja quasi ein Preuße...

Naja, aber so Herrscher, Generäle, Autoritäten, die mir sagen, wo’s langgeht, kann ich schlecht akzeptieren, denn ich hab’ ja selber einen Kopf. Auch Regisseure, die einem alles vorschreiben, weil sie meinen, nur sie hätten das Wissen – das ist heikel für mich. Es ist doch wichtig, dass man sich über die Sachen unterhält und nicht einer bloß anschafft. Mich treibt in einer Rolle ja selbst etwas um; wenn ich das überhaupt nicht reinbringen kann, ist es schlecht. Ich bin keine Marionette, ich muss die Figur ausfüllen. Aber Regisseure dieser diktatorischen Art werden weniger. Es gibt am Theater viele künstlerische Köpfe – der Regisseur ist kein Gott an seinem Pult, das ist Bullshit.

Wie geht man an so ein wuchtiges Trumm wie den „Homburg“ ran?

Ich überlege natürlich erst mal, was die Rollen und die Konflikte in den Stücken einem heute noch sagen. Klar, es gibt Dramen, die es schon durch ihre Sprache und Bauweise zu jeder Zeit wert sind, gespielt zu werden, denn es muss ja nicht immer ein Zeitbezug da sein. Aber beim „Homburg“ find’ ich den Zeitbezug ganz augenfällig.

Worin besteht er?

Der Friedrich von Homburg ist ein Individuum, das sich gegen eine Obrigkeit stellt, ohne damit was Böses zu wollen. Ich suche mir ja zu den Theaterstoffen immer Bezüge aus meinem Umfeld, aus Geschichten, die man hört, aus unserer Gegenwart eben. Also: Man kann da heute an das Verhältnis Arbeitgeber und Angestellter denken. Inwieweit muckt man auf gegen einen Chef? Heute traut sich doch praktisch keiner mehr, dem Arbeitgeber zu sagen, „das und das gefällt mir nicht“. Das kommt daher, dass die Leute Angst haben, ihren Job zu verlieren. Und diese Angst ist leider begründet. Über Politiker darf man alles sagen, da passiert einem gar nischt. Das ist dann plötzlich Meinungsfreiheit. Aber im Job, wo die Leute abhängig sind, wo andere wirklich Macht über sie haben, sieht’s mit der Meinungsfreiheit ganz anders aus.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Theater- und Filmschauspielerei?

Man kann das nicht mehr so einfach abtun nach dem Motto, Film ist keine Kunst. Die Drehbücher werden immer besser, die haben oft große Prägnanz durch ihre Alltagssprache, die sehr echt klingt. Im Theater werden die Sachen manchmal totprobiert bis der letzte Funken an Spontanität weg ist. Ich bin selbst ein großer Film-Junkie, ich zieh’ mir jeden Abend irgendwelche Filme rein. Ein Unterschied ist natürlich, dass der Film schnell auf die Zeit reagieren kann. Aber das Theater muss vielleicht gar nicht immer so prompt sein und sofort „Nathan der Weise“ raushauen, wenn grad Religionskonflikte Thema sind. Ich frage mich auch: reicht das? Hat das Theater nicht ganz andere Stärken und Möglichkeiten?

Welche?

Da kann man zum Beispiel live dabei sein, wenn Hände zittern und sich Leute, denen ganz real der Schweiß runterläuft, gegenüberstehen. Das Theater sensibilisiert einen dafür, was in einem Menschen leibhaftig passiert.

Als Kontrast dazu gibt’s im Theater aber auch eine artifiziellere Sprache.

Bei klassischen Texten sagen immer alle: „Ooh, das klingt so kompliziert.“ Aber man kann sich den Texten ja mal stellen, auch wenn man sie nicht gleich begreift. So schwer ist diese „höhere Sprache“ gar nicht, wenn man den Gedanken vertraut und ihnen folgt. Ich bin eh Verfechter einer guten Sprachkultur, muss ich sagen. Für die deutsche Sprache sollte man wirklich eine Lanze brechen, die ist so reich, da gibt es so viele Synonyme, die darf man nicht verkommen lassen. Es reicht eben nicht, nur „endgeil“ und „endkrass“ zu sagen.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

Premiere

ist am Freitag, 26. September, 19 Uhr, im Münchner Residenztheater; Telefon 089/ 2185-1940.

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