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Begeisternde Brüder: Scott (li.) und Seth Avett spielten beseelt auf.

Avett Brothers: Hübsche Berserker

München - Die Avett Brothers haben das Publikum im „Ampere“ glücklich gemacht - lesen Sie hier die Konzertkritik.

Man kann nicht jeden immer glücklich machen, singt Seth Avett zu Beginn des dritten Liedes, als schon alles trieft vor Schweiß: Seths Vollbart, der Rest der Band, das Publikum im ausverkauften Club Ampere. Bruder Scott hat da schon eine Saite auf seinem Banjo durchberserkert, der Bogen von Cellist Joe Kwon sieht arg zerrupft aus. Macht nichts: Ihre „Paranoia in B-Flat Major“ hauen die Avett Brothers den entzückten Hörern mit einer Hingabe um die Ohren, als wollten sie die Eingangszeilen des Songtextes widerlegen.

Als 2009 das Album „I and Love and You“ der Brüder aus North Carolina herauskam, wirkte es wie ein erstaunlich reifes Debüt: Große, pathetische Pianoballaden (Scott sieht eh aus wie der junge Bruce Springsteen) trafen unter der Regie von Produzent Rick Rubin auf rustikalen Country-Rock, wie ihn The Band vorgemacht haben. Dass die Brüder Seth und Scott schon seit 2000 Platten herausbringen (hierzulande unveröffentlicht), hörte man erst später.

Der Punk muss da jedenfalls eine gehörige Rolle gespielt haben. Denn mit welcher Energie die Band live auftritt, muss jeden überraschen, der nur die eine Platte kennt. Vorne auf der Bühne steht eine Totenkopf-Basstrommel, die Scott im Rhythmus mit dem Fuß kickt, Kwon und Bassist Bob Crawford hüpfen wild herum, während die beiden Brüder sogar beim Country-Gospel-Klassiker „Will The Circle Be Unbroken“ in die Saiten dreschen. Dabei verweben sie ihre Stimmen mühelos ineinander, wie nur Geschwister es können. Bisweilen kommt der semmelbleiche Schlagzeuger Jacob Edwards dazu und haut in die Felle, während er stoisch auf einem Zahnstocher kaut.

Die bemerkenswert zahlreich erschienenen jungen Damen freilich haben nur Augen für die hübschen Brüder: Scott singt, wie schwer es heute sei, die Worte „I“ und „love“ und „you“ zu sagen. Und Seth beteuert im Song „When I Drink“, er werde versuchen, ein besserer Mensch zu sein. Am Ende dieses möglicherweise besten Rockkonzerts des Jahres, als das „Kick Drum Heart“ aufgehört hat zu schlagen, sieht man im hellen Clublicht wirklich ausnahmslos grinsende Gesichter. Allesamt glücklich gemacht.

Johannes Löhr

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