Michael Nagy, Heiko Pinkowski und Selene Zanetti
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Paar- und Sexualtherapie mit Gil (Michael Nagy, li.), Sante (Heiko Pinkowski) und Susanna (Selene Zanetti).

Online-Premiere von Ermanno Wolf-Ferraris „Il segreto di Susanna“

Axel Ranisch inszeniert an der Bayerischen Staatsoper: „Meine Sternstunde“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Eine Begegnung mit Axel Ranisch ist immer eine Gute-Laune-Dusche. Nicht nur deshalb ist der Filmemacher („Dicke Mädchen“, „Tatort: Babbeldasch“) geeicht auf schräge, bizarr-komische Geschichten – und dies seit einiger Zeit auch im Musiktheater. Für die Bayerische Staatsoper inszenierte der Berliner unter anderem Haydns „Orlando paladino“. Nun ist der 37-Jährige fürs heutige „Montagsstück“ zurück: Ermanno Wolf-Ferraris Einakter „Il segreto di Susanna“ erzählt von einem frisch vermählten Paar. Der eifersüchtige Gil vermutet einen Nebenbuhler, als er Zigarettenrauch in der Wohnung wahrnimmt. Es stellt sich heraus, dass Susanna tatsächlich und heimlich pafft. Ranisch variiert die Sache etwas.

Axel Ranisch bekommt 2019 von Dunja Hayali den Grimme-Preis.

Rauchen Sie eigentlich?

Manchmal, gerade eben habe ich eine geraucht. Das habe ich von meiner Oma geerbt: Ich bin ein Gelegenheitsraucher. Gott sei Dank habe ich nie eine Abhängigkeit entwickelt. Mein Mann ist quasi Raucher, er dampft – E-Zigarette. Ganz dezente Düfte. Deswegen rauche ich zu Hause gar nicht, um’s ihm leichter zu machen.

Im Stück wird Rauchen verherrlicht. Das ist nicht gerade politisch korrekt.

Und ich habe nichts dagegen unternommen! Ich feiere das Rauchen gnadenlos. Wir tun das mit E-Zigaretten.

Geht diese Oper in Richtung Karikatur, in Richtung letzte Zuckungen der Commedia dell’arte oder sind das wirklich dreidimensionale Charaktere?

So, wie wir es gelöst haben, finde ich sie sehr dreidimensional. Ich wollte das Stück nicht für die Bühne inszenieren, sondern wirklich dem Zuschauer, der sich das am Computer oder auf der Leinwand im Wohnzimmer ankuckt, etwas bieten. Es gibt kein abgefilmtes Theater. Deswegen habe ich eine Doppelsituation erfunden. Wir haben auf der Bühne eine Therapie mit einem Paar- und Sexualtherapeuten. Der hat in den Räumen der Bayerischen Staatsoper seine Praxis aufgemacht, weil das Haus eh nicht mehr gebraucht wird. Er bekommt Besuch vom Ehepaar Gil und Susanna. Und dann springen wir in den Film, den wir drei Tage lang gedreht haben, und erleben, wie es aussieht, wenn der Paartherapeut auch Hausbesuche macht. Von den 45 Minuten Oper sind 25 Film, der Rest passiert live auf der Bühne.

Was sagt das über die Qualität einer Beziehung aus, wenn kurz nach dem Start eine so extreme Eifersucht ausbricht? Ist von Anfang an der Wurm drin?

Das ist doch heute so. Alle sind immer früh am Infragestellen der Beziehung. Partnerschaften halten gar nicht mehr so lange, ich sehe das an meinem Freundeskreis. Meine Oma sagt immer: „Ihr müsst euch mal ein bisschen zusammenreißen.“ Bei uns ist Gils Eifersucht begründet, weil Susanna was mit dem Therapeuten hat. Was sie nicht weiß: Der hat auch was mit Gil.

Eine gute Woche Probe inklusive drei Drehtage: Das ist eine Instantproduktion.

Na, ich komm’ doch aus der Medienpädagogik. Innerhalb einer Woche musste da was aus dem Nichts entstehen, um am Ende gab’s eine Präsentation vor Publikum. Das hier gerade erinnert mich stark an die Art und Weise, wie ich meine ersten 50 Kurzfilme gedreht habe. Mir macht das unendlich viel Spaß: kucken, was da ist, und daraus etwas zaubern.

Wird das ein künstlerisches Prinzip nach der Pandemie bleiben?

Ich genieße gerade die Flexibilität der großen Tanker, ob das öffentlich-rechtlicher Rundfunk oder jetzt die Staatsoper ist. In kurzer Zeit Projekte an den Start bringen, sich neue Wege einfallen lassen. Vor allem schreien jetzt alle Opernhäuser nach dem Film, und das habe ich mir tatsächlich jahrelang gewünscht. Ich habe den immer in die Inszenierungen integriert, und jetzt geht es genau andersherum. Gerade müssen alle Opernregisseure plötzlich Filme drehen. Jetzt ist also meine Sternstunde.

Sie waren als Jugendlicher Stammgast im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann und haben stundenlang CDs gehört, manchmal auch gekauft. Kannten Sie Wolf-Ferraris Stück?

Nein. Der begegnete mir immer nur am Rande, im Kulturradio am Sonntag kam bei der Wunschmusik irgendein Intermezzo mal vor. Und nun bin ich überrascht, wie zauberhaft alles ist. Ich liebe diese Oper wirklich sehr. Und ich liebe es, Stücke zu inszenieren, die keiner kennt.

Nun inszenieren Sie schon wieder eine schräge Oper. Sind Sie in einer Schublade gelandet?

Ich fühle mich da richtig doll wohl. Ich finde das Tempo und den Rhythmus bei Wolf-Ferrari wahnsinnig gut. Und das ist für mich entscheidend bei einem Stück. Vielleicht sträube ich mich auch deshalb so gegen Wagner, Rhythmus fehlt ihm komplett.

Wann wird Ihr „Rigoletto“ zu sehen sein, der vor einem Jahr am Tag der geplanten Premiere in Lyon abgesagt werden musste?

Es gibt Pläne, dass er dort noch aufgeführt wird. Und vielleicht wird man ihn auch in München zu sehen kriegen, das Haus ist ja Koproduktionspartner. Als die Premiere gecancelt wurde, war bei mir erst mal der Ofen aus. Ich war bestimmt einen Monat lang im Tief. Serge Dorny, Noch-Intendant in Lyon und bald in München, hat später selbst angemerkt, dass er das Schicksal mit der Festival-Überschrift in Lyon „Der Fluch“ und der „Rigoletto“-Premiere am Freitag, den 13. vielleicht etwas zu sehr herausgefordert hat.

Sind Sie ein Stream-Junkie?

Natürlich fehlt mir das Live-Erlebnis. Aber ich schaue schon viel an, gerade für mich als Filmemacher ist das interessant. Beim Münchner „Rosenkavalier“ habe ich geweint vor Glück. Ich habe eine große Leinwand zu Hause. Ich zelebriere das mit Getränken und Essen. Und wenn man was loswerden will, kann man mit dem Mitkuckenden auch mal kurz schwatzen. Manchmal zwinge ich Leute dazu, mit mir etwas anzuschauen: „Mama, komm‘, ,Rosenkavalier‘ heute.“ Erst hat sie gestöhnt, dann hat’s ihr doch gefallen.

Sie wirken, als seien Sie gut gelaunt durch die vergangenen Monate gekommen.

Ich habe ja das Glück, das ich breit aufgestellt bin. Es fanden lauter Dinge statt, die nicht geplant waren. Und man kommt fast in ein Rauschgefühl, wenn man eine solche Produktion wie jetzt in kürzester Zeit durchzieht. Außerdem bin ich so verliebt in die drei Solisten und den Dirigenten, das hatte ich so noch nie. Wenn ich im Sommer nicht drehen kann, werde ich wahrscheinlich schreiben. Ich muss noch einen Roman abgeben. Es gibt eine Idee, die muss nur noch ausgeführt werden. Viel drängender ist aber: Es gibt einen Vertrag, der erfüllt werden muss. Es geht um eine ältere Dame im Hochhaus, meiner Oma nicht ganz unähnlich, die kleine Kriminalfälle löst und dabei gegen ihre Demenz kämpft. Eine Lichtenberger Miss Marple.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Internet-Premiere am heutigen Montag, 20.15 Uhr (gratis);
ab 28. April für 9,90 Euro unter staatsoper.tv.

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