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Als Computerspiel „Orange Desert III“ wird Prokofjews grelle Märchenoper erzählt.

OPERNPREMIERE

Axel Ranisch inszeniert „Liebe zu drei Orangen“: Chaos-Computer-Club

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Diese Produktion hat Kult-Potenzial: Axel Ranisch bringt Prokofjews bizarres Märchen in Stuttgart als Computerspiel „Orange Desert III“ auf die Bühne.

Stuttgart - Zehn Seiten zum Inhalt („Vorab in Kürze“): Selber schuld, wer sich durchs Programmheft kämpft. Zumal Computerspiele, der kleine Serjoscha im Live-Video auf der Hinterbühne macht’s vor, ja am besten funktionieren nach dem Prinzip Knopf gedrückt und rein ins Virtuelle. Sergej Prokofjews Märchen „Die Liebe zu drei Orangen“ (Stuttgart verweigert das „den“) noch zwei Umdrehungen weiter in den Wahnwitz zu treiben, ja, das geht. Regisseur Axel Ranisch, der 2017 die „Tatort“-Gemeinde mit „Babbeldasch“ aufmischte und sich an der Bayerischen Staatsoper unter anderem mit Haydns „Orlando furioso“ im Opernfach erprobte, hat am Neckar sein Leib- und Magenstück gefunden: Diese „Orangen“ werden Kult.

Ranisch stülpt noch einen Rahmen über die Geschichte vom Kreuz-König und von dessen depressivem, in der Neuübersetzung an „hypochondriotischer Verschleimung“ leidendem Sohn, der das Lachen lernen muss und sich für seine Schadenfreude dank böser Fee Fata Morgana in drei Orangen verliebt. Als Rücksturz in die Neunzigerjahre ist alles ein animiertes Computerspiel („Orange Desert III“) mit grob verpixelter, also leicht unscharfer Bühne (Saskia Wunsch) – am Beginn der Pentium-Prozessor-Ära gerieten die Platinen angesichts solcher Bildwelten schließlich schwer ins Glühen. Irgendwann purzelt à la „Unendlicher Geschichte“ Serjoscha aus seinem Kinderzimmer selbst ins Geschehen, während sich am Ende die Fee und ihre Camarilla in der Realität draußen wiederfinden. Logik? Märchenkonsumenten wissen: Es gibt Wichtigeres.

Computer-Abend ohne Absturz

Dass Ranisch dem Computer-Abend keinen Absturz beschert, spricht sehr für ihn. Auch dass er satirische Extra-Bömbchen zündet: Die „böse Köchin“, sonst gern von dämonisch gelaunten Buffo-Bässen gegeben, ist bei Matthew Anchel ein zartrosa Bärchen, das am Prinzen Gefallen findet – und sich als Papa des computerspielenden Serjoscha entpuppt. Ninetta wiederum, der für den Prinzen bestimmte Orangen-Inhalt, wurde für den Liebesjob bezahlt und ist zu allem Überfluss höchstschwanger. Was sie unter Presswehen-Hecheln gebiert? Noch ein Früchtchen.

Man kann Prokofjews Zweistünder auf eine Dichtung von Carlo Gozzi gewiss anders bringen: als Gesellschaftssatire inklusive greller Politkritik. Ranisch wählt den verspielten Weg und liegt, der Jubel-Orkan nach der Premiere zeigt es, goldrichtig. Anders als beim wuchernden Haydn in München tut es dem Regisseur gut, wenn Partitur und Libretto konzentrierter, dichter sind – und trotzdem zur Fantasie-Explosion einladen. Die häufigen Szenenwechsel und die auf den Takt synchronisierten Videos zeigen: Ranisch verlangt vom Team der Stuttgarter Oper viel. Die Spiellust der Solisten und der großartigen Chormitglieder beweist auch: Der Berliner muss ein begnadeter Motivator sein. Elmar Gilbertsson als tenorstarker Prinz, Daniel Kluge als textprägnanter Truffaldino-Springball, Goran Jurić als in Würde versteifter König, Johannes Kammler als alerter Pantalone und Carole Wilson als bizarrdramatische Fee, Esther Dierkes als lyrisch-aparte Ninetta, sie alle samt Kollegen nehmen diese Angebote zu gern auf. Dirigent Alejo Pérez lässt das Stuttgarter Staatsorchester die Partitur in Neonfarben malen. Alles ist so direkt, so zugespitzt, so kantig, auch so unverblümt, wie es Prokofjew vorgeschwebt haben muss.

Intelligente, liebenswürdige Produktion

Axel Ranischs Regie traumtänzelt durch mehrere Ebenen gleichzeitig. Die Zweidimensionalität von Prokofjews/ Gozzis Figuren wird in eine ebensolche der Computer-Virtualität übersetzt. Die doppelte bis dreifache Rahmenhandlung lässt alles verblüffend schlüssig wirken. Der Abend ist auch deshalb so komisch, so intelligent und so liebenswürdig, weil Ranisch nie draufdrückt, seine Solisten manches sogar unterspielen lässt. Nacherzählen kann man das geordnete Chaos kaum, die Einfälle reichen locker für Wagners „Ring“ und laden dringend zum Selbstbesuch ein. Kaum einer, der nach der Premiere nicht mit einem Lächeln das Haus verlässt – und mit einer vom Einlasspersonal offerierten Orange.

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