„Axolotl Roadkill" - Kritik jenseits von Plagiat-Vorwürfen

München - Autorin Helene Hegemann bediente sich bei ihrem Roman-Debut „Axolotl Roadkill" auch anderer Werke. Doch einmal abgesehen von den Plagiatsvorwürfen: Sind die Lorbeeren für den Roman tatsächlich gerechtfertigt?

Es ist schon ein Phänomen, was nach Erscheinen des Romans „Axolotl Roadkill“, dem Debüt der Jungautorin Helene Hegemann, geschah. Hymnen wurden verfasst. In einem aphrodisierten Taumel stürzte man sich auf die 17-Jährige, machte sie zum Ziel von trunkenen Lobessalven ein, beförderte sie gar zum „Wunderkind der Berliner Bohème“ (Spiegel). Jeder wollte „Axolotl“ noch neuer, noch kraftvoller, noch phänomenaler finden. Man suchte den Nachfolger von Charlotte Roches Schmuddelschocker „Feuchtgebiete“.

Dann kam der erste Dämpfer: Plagiatsvorwürfe. Hegemann hat Teile ihres Romans aus dem Buch „Strobo“ des Internet-Bloggers Airen abgeschrieben. Es folgten Ehrenrettungsversuche, die verlautbarten, Plagiat sei eine Technik der literarischen Postmoderne, schon ganz andere Autoren hätten abgeschrieben (siehe Kasten), und überhaupt sollte man sich, wie die Jungautorin der Zeitung „Die Welt“ sagte, von „diesem ganzen Urheberrechtsexzess“ befreien. An einer Stelle ihres Romans heißt es explizit zum Ideenklau: „Es ist egal, woher ich die Dinge nehme. Wichtig ist, wohin ich sie trage.“ Das klingt schön, poetisch, gleichzeitig aber missachtet dieser Satz die Geltung geistigen Eigentums. Daraus nun ein post-postmodernes Kunstverständnis zu basteln nach dem Motto „Originalität existiert ohnehin nicht“, ist literaturtheoretische Spielerei und mit der Praxis unvereinbar.

Und nun das Plagiatsdelikt mal beiseite: Sind die Lorbeeren für den Roman „Axolotl“ um die 16-jährige, drogenabhängige Mifti tatsächlich gerechtfertigt? Satz eins des Romans, eine Textprobe: „O.k., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod, die Fetzen angstgequälten Schlafes, mein von schicksalsmächtigen Orchestern erbebendes Kinderzimmer (...) kein Stöhnen von leidenden, sich durch Stärke und Hässlichkeit hervorhebenden Monstern, die gerade entfesselt werden (...).“

Wie? Schicksalsmächtige Orchester? Hässliche Monster? Sätze wie dieser sind häufig, bleiben meist zusammenhangslos und täuschen mit ihren bandwurmartigen Endlosreflexionen über Leben, Tod, Himmel, Hölle existenzielle Schwere vor, wo nichts ist als intellektuell gefärbtes „Kinderzimmer“. Das spürt man gerade dann, wenn Hegemann ihre künstlich verkomplizierten Trümmersätze mit großen Philosophen-Namen wie Agamben oder Foucault spickt, ohne zu erklären, warum. Wohl auch, ohne die Autoren je gelesen zu haben. Das ist intellektuelle Kraftmeierei ohne Substanz. Der stilistische Ausgleich besteht in der hundertfachen Verwendung von „Scheiße“- und „Motherfucking“-Einsprengseln, begleitet von der x-ten Erwähnung derber Sexualpraktiken, Drogenexzessen und so weiter. Überhaupt ist das Leben dieser Hauptfigur ganz und gar „abgefuckt“. Ob das schockiert? Sicher nicht, es nervt und wird zur aufgeblasenen Attitüde.

Auf diese Art treibt Hegemann die unzusammenhängenden Ereignisse in einer Dauerreflexion der jungen Mifti vor sich her und verdeckt so zweierlei: erzählerische Unbedarftheit und partielle Sinnfreiheit des Geschilderten. Nicht alles ist schlecht. Es gibt aufrichtige, durchdachte Stellen, etwa wenn Mifti über ihre Angst vor Sex spricht, weil er „der bedingungslosen Liebe entgegenwirkt, die ich will und nichts anderes ist als ein egoistischer, tierischer Trieb (...)“. Hier versteckt sich die Erzählerin nicht hinter blasierten Monstersätzen, täuscht kein intellektuelles Weltverständnis vor, sondern ist authentisch. In solchen Passagen, die eher Fragen stellen als altkluge Antworten liefern, spürt man Hegemanns ungeschliffenes Talent. An eine literarische Offenbarung reicht sie jedoch nicht heran. Durch den blind erzeugten Hype hat sich der Literatur-Betrieb selbst als Verwertungsmaschinerie enttarnt. Genutzt hat das Ganze niemandem.

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