Bacchanal und sanfter Tod

- Mit einer geballten Ladung Tschaikowsky rückten das London Symphony Orchestra (LSO) und sein erster Gast-Dirigent, Michael Tilson Thomas, zum Konzert in der Münchner Philharmonie am Gasteig an. Nicht nur das allseits geliebte Violinkonzert hatten sie im Gepäck, sondern auch zwei Werke, die man hierzulande kaum je zu hören bekommt: Die Ouvertüre zum Ostrowsky-Drama "Das Gewitter" und die Symphonie "Manfred" nach Lord Byrons Dichtung, eigentlich Tschaikowskys Fünfte. Er schrieb die viersätzige Symphonie in h-moll zwar nach seiner vierten, zählte sie aber als sinfonische Dichtung. Eine Programmmusik also, die sich neben seinen sechs Symphonien nicht etablieren konnte und am Montagabend zur großen Überraschung wurde.

Große Überraschung

Die Musik lässt sich auch ganz ohne literarischen Hintergrund hören, ohne zu wissen, dass der Held durch die Alpen irrte, dass er ein Hirtenidyll und ein Bacchanal erlebte, bevor er starb - umrauscht von Orgelklängen. Vor allem dann, wenn die vier Sätze so verführerisch weich und verschwenderisch farbig musiziert werden wie von den Londoner Musikern. Gottlob zeigte auch Tilson Thomas, der erfolgreiche Chef des San Francisco Symphony Orchestra, sich hierbei engagierter und zupackender als im Vorangegangenen. Schon zu Beginn des von Berlioz und Liszt inspirierten Werkes schien er die ganze Klangsinnlichkeit nachholen zu wollen, die er im Violinkonzert schuldig geblieben war. Mit hörbarem Gestaltungswillen gab er großen Steigerungen Faç¸on, belebte das kleinteilig-verspielte Vivace mit Delikatesse, setzte auf Geschmeidigkeit und Eleganz und sorgte gleichzeitig für Spannung ohne jede Verfettung.

Selbst im furiosen, zu Beginn schroffen, bizarren Finalsatz geriet der breite, süffige Streicherstrom nie aus den Fugen. Dramatik und Brillanz, Struktur und Farbe hielt der Dirigent lässig in der Balance. Und das LSO mit wunderbar ausdrucksstarken und behänden Holzbläsern, mit famosem Blech, markantem Schlagwerk, glitzernden Harfen war der ideale Partner für das anspruchsvolle, einstündige Werk. Großer Beifall.

Den hatte zuvor schon Vadim Repin als Solist im Violinkonzert auf sich konzentriert. Obwohl Geiger und Dirigent alles Reißerische, Auftrumpfende um jeden Preis vermieden, es zwischen extreme Tempi spannten und es in schöne Stellen zerfallen ließen, imponierte Repin mit Bravour, weichem Aussingen und Klarheit.

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