Für Bach brennen

München - Matthias Goerne plante bereits seit der Zeit, als noch Christoph Poppen Chef des Münchener Kammerorchesters war, mit dem kleinen, feinen und renommierten Klangkörper zu arbeiten. Doch bisher fand sich im Terminkalender des 40-jährigen Baritons kein Platz. "Vor anderthalb Jahren traf ich mit Alexander Liebreich, dem neuen Chefdirigenten des Ensembles zusammen. Und da kam mir die Idee dieser Koppelung zwischen Bach und Eisler", sagt Goerne heute.

Prinzregententheater: Der Bariton Matthias Goerne gastiert heute beim Münchener Kammerorchester 

Johann Sebastian Bachs Kantate Nr. 82 "Ich habe genug" und Hanns Eislers "Ernste Gesänge" (1961/62) stehen heute neben Schönbergs "Fragment einer Serenade für kleines Orchester" und Beethovens "Eroica" im Prinzregententheater auf dem Programm (20 Uhr). Und wenn man den emphatischen Goerne in der Probe mit der Bach-Kantate erlebt, kann man ermessen, wie sehr er für die Musik brennt. "Ich habe genug" gehöre "zu den wirklich großen Solokantaten". Auch Eislers "Ernste Gesänge" markierten einen speziellen Punkt in der musikalischen Entwicklung dieses Komponisten. "Und das vor allem wegen des Gleichnishaften, dieses tröstenden Elements, das auch bei Brahms' ,Vier ernsten Gesängen ganz stark im Vordergrund steht", meint Goerne.

Hanns Eisler habe mit den für seine Zeit modernen, Hoffnung spendenden Texten unter anderem von Stefan Hermelin und Helmut Richter und der berührenden Musik auf die große Depression, die damals schon in der DDR herrschte, aufmerksam gemacht. "In der Bach-Kantate wiederum geht es um nichts anderes als in vielen geistlichen Werken: natürlich um die Frage über das Leben nach dem Tod", formuliert es der Bariton. "Und in erster Linie um das Beschreiben und das Loswerden von Ängsten. Deshalb scheint mir die Verbindung zwischen beiden Komponisten sehr sinnvoll zu sein. Denn letztlich ist dieses zentrale Thema Hoffnung und Tröstung ein Aspekt, der jedem Menschen zutiefst vertraut ist."

Der gebürtige Weimarer Goerne bezeichnet sich selbst nicht als gläubig. Doch wenn er diese Werke seinem Publikum darbiete, gehe ihm das auch selbst nahe. "Das bedeutet aber nicht eine unreflektierte, blinde Form von berührt sein, die würde zwangsläufig einen Verlust darstellen." Eine bestimmte Form von Distanz und Kontrolle sei auch während eines Konzertes nötig. "Die Identifikation muss vielmehr vorher stattgefunden haben. Dass einem bewusst wird, was es einem persönlich bedeutet."

Matthias Goerne hat dieses Eisler-Werk schon oft aufgeführt und würde das gerne noch häufiger tun, dazu gibt ihm auch der bisherige Erfolg Recht. "Die Leute sind extrem von dieser zerbrechlichen und gleichzeitig sehr starken künstlerischen Entäußerung eines Komponisten angetan. Vor allem auch deshalb, weil er die Musik auf einer Ebene ließ, die wirklich nachvollziehbar ist."

Goerne hat nichts gegen die Moderne, nur sieht er bei Eisler eben den Vorteil fürs Publikum, dass diese Musik von etwas "Angewandtem" geprägt sei. "Sie stellt sich schon sehr in den Dienst der Sache des Verstandenwerden-Wollens und schreckt nicht vor Melodien zurück." Goerne sieht durchaus das Problem, dass Eisler damals politisch vereinnahmt wurde. Seiner Meinung nach bedarf es gerade deshalb einer Renaissance, die deutlich mache, dass Eislers Musik in erster Linie dem Menschen verpflichtet sei.

Vom Kammerorchester und der gemeinsamen Arbeit ist Goerne begeistert, zumal hier andere klangliche Gesetzmäßigkeiten als bei einem großen Ensemble gelten. Dem Bariton ist immer daran gelegen, ein Gleichgewicht zwischen Lieder-, Konzert-, Opernabenden zu finden, "aber die Ausgewogenheit ergibt sich meist von selbst".

Übrigens hat er gerade ein großes Projekt gestartet: eine Schubert-Edition mit immerhin elf CDs. "Also wird es demnächst relativ viele Schubert-Abende mit völlig neuen Programmen geben."

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