Bach geerdet

- Das hätte der GAU sein können. Der Chef Thomas Hengelbrock, auf dessen Dirigat man doch schon fast blind reagiert, an Lungenentzündung erkrankt, die Tournee gefährdet - wenn da nicht Einspringer Harry Christophers wäre. Der Brite fand sich also unversehens am Pult des Balthasar-Neumann-Ensembles wieder: mehr als eine zweite Wahl, wie Bachs Johannes-Passion im Herkulessaal vor Ohren führte.

Was ist also von Christophers, was noch von Hengelbrock geprägt? Auch der Neuling zielt auf eine vitale, spannungsreiche Bach-Deutung. Doch keine Hyper-Affekte, keine überreizten Tempi, dafür eine Wiedergabe, die in sich ruhte, die sich einer genau gesteuerten Emotionalität verpflichtet fühlte. Zugute kam dies vor allem den geschmeidig differenzierten Chorälen, etwa dem zentralen Stück "Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn", in dem tatsächlich eine Art Utopie aufglimmte. Doch mochte Christophers noch so emphatisch anfeuern, die Aufführung blieb stets ein wenig (zu) reserviert. Und bei aller Konzentration auf klangliche und farbliche Nuancen wurde Textverständlichkeit, vor allem in den Turbae-Teilen, vernachlässigt.<BR><BR>Mit seinem substanzreichen, geerdeten Klang bietet der Balthasar-Neumann-Chor eine gute Alternative zu manch spitz intonierender Konkurrenz. Und wie zu Bachs Zeiten wurden die Arien von Choristen übernommen, was - bis auf das erste Alt-Solo und die Tenor-Beiträge - zu faszinierenden Ergebnissen führte. Dazu sang Marek Rzepka einen sehr markanten Christus, Kraft- und emotionales Zentrum des Abends war aber James Taylor (Evangelist), dem man über die Rezitative hinaus die selten gehörte "Zerschmettert"-Arie gegönnt hätte: Das Ensemble wählte die um ungewohnte Nummern ergänzte Zweitfassung der Passion - kein musikwissenschaftliches Histörchen, sondern eine zu Unrecht vernachlässigte Alternative.<BR>

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