Von Bach kann die Kirche lernen

- "200 oder 300" Matthäus-Passionen hat Peter Schreier (69) schon hinter sich, als Sänger, seit den 80er-Jahren in der Doppelfunktion als dirigierender Evangelist. So auch an diesem Karfreitag im Gasteig, wenn er das Opus mit dem Münchener Bach-Chor aufführt (14.30 Uhr, Live-Übertragung auf Bayern 4). Und damit wohl zum letzten Mal hier zu hören sein wird: Zum Jahresende will Schreier, einer der größten Bach-, Mozart- und Schubert-Interpreten unserer Zeit, seine Gesangskarriere beenden.

<P class=MsoNormal>Wie war Ihre erste Matthäus-Passion?<BR>Schreier: Da war ich noch gar nicht im Kreuzchor, sondern durfte dort den Cantus firmus mitsingen - übrigens in der Dresdner Frauenkirche. Als ich dann 19 war, hat mich der damalige Kreuzkantor Rudolf Mauersberger eingeladen, den Evangelisten zu übernehmen. Ohne richtige Ausbildung. Und da bin ich hoffnungslos eingebrochen. So schlimm, dass nur noch heiße Luft kam. Woraus ich die richtigen Konsequenzen gezogen habe: Ich begann ein Hochschulstudium.</P><P class=MsoNormal>Die Matthäus-Passion im Konzertsaal: Ist das ein Widerspruch?<BR>Schreier: Nein. Ich finde, sie gehört allen Leuten, nicht nur den Strenggläubigen. Die Musik als solche ist Weltliteratur.</P><P class=MsoNormal>Der Evangelist soll, so sagten Sie, ein leidenschaftlicher Teilnehmer sein. Also ist er Zeuge des damaligen Geschehens? Oder für uns heute eine Art Prediger?<BR>Schreier: Er ist beides. Ein Erzähler - und ein Spiritus rector, der dem Publikum die Geschichte verbildlicht. Also ist er nicht nur ein Betrachtender, sondern mit großer Emotion dabei. Bach arbeitet ja in den Rezitativen mit extremen Intervallsprüngen, die können nicht einfach "nur" gesungen werden.</P><P class=MsoNormal>Und wie schaffen Sie es, sich in jeder neuen Aufführung zu motivieren?<BR>Schreier: Das ist eben das Geheimnis von Bach. Es gibt keine Aufführung, in der ich nicht inspiriert wäre. Anders war das in der Oper, etwa in Rossinis "Barbier von Sevilla". Schon die Ouvertüre konnt' ich nicht mehr hören. Und wenn ich beim letzten Takt auf die Bühne musste - puh . . . Eigentlich brauchte ich die Opernbühne nicht, um mich auszudrücken. Deshalb ist es mir verhältnismäßig leicht gefallen, dort mit 65 aufzuhören.</P><P class=MsoNormal>Hat sich die Stellung einer Passions-Aufführung in den letzten Jahrzehnten gewandelt?<BR>Schreier: Der heutige Hörer ist ja durch viel mehr Medien beeinflusst und geschult. Er hat eine größere Erwartungshaltung - und ein größeres musikalisches Verständnis. Die Passion wird nicht nur als Gottesdienst anbetend wahrgenommen, sondern eben auch rein künstlerisch. Bach muss demnach dem Publikum in einer sehr lebendigen, sehr artikulierten Form dargeboten werden.</P><P class=MsoNormal>Heißt das im Umkehrschluss, dass Bach immer "actionreicher" interpretiert werden muss?<BR>Schreier: Möglicherweise. Aber da hat ja die historisierende Aufführungspraxis etwas Positives ausgelöst. Auch wenn ich kein so großer Freund davon bin.</P><P class=MsoNormal>Also hat die Matthäus-Passion längst die Funktion eines Ersatzgottesdienstes.<BR>Schreier: Für mich schon. Wobei ich sogar das "Ersatz-" streichen würde.</P><P class=MsoNormal>Aber paradox ist es schon: Die Kirchen werden immer leerer, und die Matthäus-Passion ist stets bestens verkauft.<BR>Schreier: Und was sagt uns das? Wenn sich nur die Kirche so erneuern würde wie die Sichtweise auf Bachs Musik! Wobei bei mir eine Passions-Aufführung nie aus rein religiöser Motivation erfolgt. Das hat auch viel mit der Tradition der Heimat zu tun. Mit dem Kopf und mit dem Herzen.</P><P class=MsoNormal>Was muss denn ein junger Tenor, der sich an den Evangelisten wagt, mitbringen?<BR>Schreier: Eine gute sprachliche Artikulationsgabe. Das Bewusstsein für den musikalischen und textlichen Hintergrund. Natürlich eine angenehme Stimme. Aber er soll sich bitte keine Schönsingerei vornehmen.</P><P class=MsoNormal>Haben es Tenöre schwer, die unter Ihnen singen? Die müssen ja vor Respekt erstarren.<BR>Schreier: Das glaub' ich nicht. Wer bei mir singt, ist eigentlich nicht gehemmt. Im Gegenteil, ich ermuntere die Solisten ja ständig.</P><P class=MsoNormal>Welchen Stellenwert hat bei Ihnen das Unterrichten?<BR>Schreier: Da treffen Sie einen wunden Punkt. Ich habe keine Geduld, das ist ein großer Nachteil. Ab und zu gebe ich Meisterklassen, Interpretationskurse. Mit unterschiedlichem Erfolg.</P><P class=MsoNormal>"Nicht mal im Badezimmer", so meinten Sie, wollen Sie ab Januar singen. Das glaubt Ihnen keiner.<BR>Schreier: Naja, vielleicht im kleinen Kreise, Privatkonzerte (lacht). Wenn ich mich stimmlich gut fühle, rufe ich einfach alle an und sage: Kommt schnell vorbei!</P><P class=MsoNormal>Was stört Sie eigentlich am Musikmarkt?<BR>Schreier: Diese ganze Hochschießerei von Künstlern durch Medien und PR-Kampagnen. Zeit für eine klug geplante Karriere bleibt kaum noch. Und manchmal werden Leute zu Stars gemacht, die nun wirklich keine sind.</P><P class=MsoNormal>Und was machen Sie am für Sie gesangslosen Karfreitag 2006?<BR>Schreier: Hm. Weiß ich gar nicht. Vielleicht bleibe ich einfach mal zu Hause. Wäre für mich doch auch eine neue Erfahrung, oder?</P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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