Bach leuchtet

- Wer angesichts des Adventsterrors bei Kaufhof & Co. über Pein und Elend, Kreuz und Kampf stutzt: Philippe Herreweghe nimmt's eben genau. Zum letztmöglichen Zeitpunkt tauchte er Münchens Prinzregententheater in November-Düsternis - mit dem Kantaten-Trio BWV 12 ("Weinen, Klagen"), BWV 38 ("Aus tiefer Not") und BWV 146 ("Wir müssen durch viel Trübsal"), das erst am Konzertende dem Publikum eine Portion Dur-Seligkeit gestattete.Zur Depression bestand jedoch kein Anlass.

<P>Diese ungekünstelte Interpretationshaltung gehört nach wie vor zum Besten, das die internationale Bach-Pflege hervorgebracht hat. Herreweghe und sein phänomenales Collegium Vocale Gent beherrschen die seltene Kunst, die Partituren nicht zur tönenden Musikwissenschaft missraten zu lassen. Sie werden vielmehr von innen heraus, ganz behutsam zum Leuchten gebracht - was einen eigenartigen Effekt auslöst: Der Zuhörer konsumiert Herreweghe - und denkt doch stets an Bach.</P><P>Voraussetzung dafür ist indes das überragende technische Niveau der Belgier. Der Eingangschor von BWV 12 bestach durch unbefleckte Intonation, durch genüssliches Auskosten der Harmoniereibungen, die virtuose Introduktion zu BWV 146 absolvierte Herman Stinders (Orgel) nahezu ungerührt - wie überhaupt bei diesem Ensemble die perfekte Verbindung von individueller Initiative und Einhören in den Gesamtklang erstaunt.</P><P>Höhepunkt: die Sopran-Arie "Ich säe meine Zähren" mit der vokal makellosen, ausstrahlungsstarken Carolyn Sampson. Daniel Taylor führte einen schmiegsamen, schönen Countertenor vor, blieb aber - wie Bassist Peter Kooij - etwas neutral. Und Andreas Weller könnte an die Spitze der Oratorientenöre vordringen, wenn er seinen Stimmsitz in den Griff bekommt. Angemessener Jubel, jetzt darf Weihnachten kommen.</P>

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