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„Ich will die Menschen wachrütteln“: Enoch zu Guttenberg (62) dirigiert an diesem Samstag in München Händels „Messias“.

Interview zum Konzert

Zu Bach nach Hause kommen

Enoch zu Guttenberg über Konzertrituale, Musik als Konsumgut und seinen Sohn, den CSU-Generalsekretär

Der Name Guttenberg taucht in dieser Zeit verstärkt in den Medien auf. Wobei der Vater des neuen CSU-Generalsekretärs Karl-Theodor zu Guttenberg ja schon länger Thema vor allem der Musikfreunde ist: Enoch zu Guttenberg rüstet sich mit seiner Chorgemeinschaft Neubeuern gerade für die Advents- und Weihnachtskonzerte.

-Werden Sie seit kurzem anders wahrgenommen – als Vater eines aufstrebenden CSU-Politikers?

Na ja. Die Sache mit der Politik wiederholt sich eben bei uns in der Familie. Ich galt ja mal als Sohn eines berühmten Bundestagsabgeordneten (lacht).

-Und nehmen die politischen Diskussionen daheim jetzt zu?

Das kann man nicht so sagen, die laufen immer auf Hochtouren. In vielen Punkten bin ich mit meinem Sohn schon d’accord. Ich stimme allerdings nicht mit der CSU in Umweltfragen überein. Aber das muss eine Familie aushalten – und die Partei sowieso. Ich glaube, dass in Sachen Ökologie fast alle auf dem falschen Dampfer sitzen. Es ist völlig außer Zweifel, dass die Klimakatastrophe kommt – und dass wir die nicht überleben, wenn wir nicht die Reißleine ziehen. In ein paar Jahren gibt es die nicht mehr.

-Werden Sie Ihrem Sohn nun auch verstärkt lästig?

Nein. Vielleicht ist er auch gar nicht so weit von mir weg. Aber womöglich muss man als Generalsekretär nach außen eher die Parteilinie vertreten.

-Sollte jeder Künstler politisch sein?

Ja klar. Wir sind dazu verpflichtet. Man darf’s nur nicht inflationär betreiben.

-Jetzt „Messias“, dann „Weihnachtsoratorium“: Wie entgeht man der Situation, dass diese großen Werke zum wohligen Ritual, quasi zur klingenden Weihnachtsgans werden?

Darüber denke ich nicht nach. Ich sehe das anders. Für mich bedeuten Weihnachtsoratorium und Matthäuspassion ein Nach-Hause-Kommen. Außerdem, wenn man die Texte betrachtet: Luther ist einer der größten deutschen Sprachkünstler. Dass sich katholische wie evangelische Kirche von ihm verabschiedet haben und diese neumodischen Übersetzungen bieten, ist unsäglich. Die Kombination Bach/ Luther ist also keine Weihnachtsgans, sondern eine abendländische Pflichtübung. Es gibt nichts Besseres. Wenn wir am 23. Dezember die Weihnachtsgeschichte von Saint-Saëns aufführen würden, wäre die Halle leer.

-Für viele ist es aber ein Religionsersatz: Man bekommt seine „Packung Glauben“, ohne sich näher damit zu beschäftigen.

Selbst wenn es so wäre... Ich zum Beispiel glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, trotzdem liebe ich die christliche Religion und das Evangelium. Wenn man wissen will, was Glauben bedeutet, muss man nur einen Bach-Choral erleben. Ich befriedige mit diesen Konzerten auch mein ganz persönliches Heimweh nach meiner Religion. Und das will das Publikum ebenfalls. Obwohl ich regelmäßig in die Kirche gehe: Ich kann eben nicht mehr so glauben, wie ich es als Kind getan habe.

-Es stört Sie also nicht, dass in der Pause der Matthäuspassion Sekt getrunken wird?

Doch. Aber immerhin ist es mir mehrfach gelungen, dass man nach dem ersten Teil nicht applaudiert. Wenn man es schafft, die Menschen in eine religiöse Stimmung, in einen Zustand der Betroffenheit zu versetzen, ist man seiner Aufgabe gerecht geworden. Gute Musik hat immer eine Botschaft. Darum geht’s mir.

-Und wenn die Offenheit des Publikums, das Bewusstsein dafür verschwindet?

Das ist ja der Punkt. Man kämpft immer dagegen an, dass Musik ein gegen Geld ständig abrufbares, schickes Konsumgut ist. Wenn man nach Salzburg geht und Besucher sieht, die gar nicht wissen, wofür sie die 600 Euro ausgegeben haben – grauenhaft. Und deshalb formuliere ich manche musikalischen Dinge überspitzt, auch wenn ich dafür gescholten werde. Ich will die Menschen wachrütteln und emotionalisieren.

-Da Sie ja zu Weihnachten und Ostern immer wieder dieselben Stücke dirigieren: Liegt darin nicht eine Gefahr? Man treibt manches ins Extrem, weil man immer wieder etwas Neues herauspuzzeln will...

Das könnte passieren. Aber die Partituren sind ja so reichhaltig, man kommt da nie an ein Ende. Im Gegenteil: Demütig staunt man, was sie alles beinhalten. Ich verschärfe nichts aus Spaß.

-Aber Musiker allein, und seien ihre Interpretationen noch so demonstrativ, können die Menschen auch nicht wachrütteln. Was wurde denn versäumt?

Da wären wir zum Beispiel bei der Debatte übers Schulsystem, über dieses unselige G 8 mit der Vernachlässigung des Musikunterrichts. Wie also sollen die Kinder überhaupt noch richtig an die Musik herangeführt werden? Die Lehrer sind verzweifelt. Vor allem, weil ein riesiges Potenzial bei den Kindern vorhanden wäre. Im Falle der Chorgemeinschaft Neubeuern bin ich da ganz hoffnungsfroh: Wir haben viele junge Mitglieder. Und, das ist jetzt gar nicht so hochmütig gemeint: Unsere Konzerte sind voll. Die Menschen wissen, was sie von uns bekommen können.

Das Gespräch führte Markus Thiel

Konzerte

an diesem Samstag (Händels „Messias“, 20 Uhr) und am 23.12. (Bachs „Weihnachtsoratorium“), beide im Münchner Gasteig, Tel. 089/ 93 60 93.

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