Bach nimmt einen an die Hand

- "Natürlich ist es eine Gratwanderung, aber ich verlasse mich dabei auf meinen Bauch", gesteht Martin Stadtfeld, der 25-jährige Pianist, der heute 22.30 Uhr mit dabei ist, wenn das ZDF wieder eine "Große Nachtmusik" präsentiert. "Götz Alsmann moderiert die Sendung, die den Spagat zwischen klassischer Musik und einer großen Zielgruppe versucht, und ich denke, er ist genau der Richtige dafür. Er ist topfit, was die Musik betrifft und sorgt für eine absolut entspannte, lebendige Atmosphäre."

Unter diesen Voraussetzungen ist der junge Pianist, der sich 2003 mit seiner Bach-CD (Goldbergvariationen) zu den Stars seines Fachs katapultierte, gerne bereit mitzumachen: zu spielen, und zwar den dritten Satz aus Bachs f-moll- Konzert -"der hat die vorgegebene Kürze von zwei Minuten und ist wunderbare Musik, bei der man nichts erklären muss". Und zu plaudern, "natürlich über die Musik". Dass es mit Alsmann spontan zugeht und Stadtfeld sich seine Antworten nicht schon vorher parat legen kann, freut ihn besonders, denn er möchte keine Klischees bedienen.

Auch wenn der junge, sympathische Koblenzer, der im Westerwald aufwuchs und mittlerweile im Haus seiner Großmutter in Boppard am Rhein lebt, vor drei Jahren mit einem Paukenschlag auf dem Musikmarkt erschien und heuer bereits bei den Salzburger Festspielen debütierte, sieht er in seiner künstlerischen Entwicklung und Karriere eine "große Kontinuität". Er war nie ein Wunderkind, obwohl die Eltern rasch erkannten, dass da ein besonderes Talent am Werk war und er seinen ersten öffentlichen Auftritt mit neun Jahren absolvierte. Mit 14 Jahren nahm ihn Lev Natochenny an der Frankfurter Musikhochschule unter seine Fittiche, eröffnete dem jungen Pianisten den Weg zu sich selbst. "Ich habe etwas gefunden in mir, das ich ausdrücken möchte. Ich habe auch das Gefühl, dass meine persönliche Entwicklung mitkommt mit der raschen Karriere. Ich empfinde keinen Druck, bin entspannt und kann auch auf dem Podium mit viel Emotion und Hingabe das transportieren, was ich mitteilen möchte."

Dass der "Ausbildungdlose" (bei 100 Konzerten im Jahr bleibt keine Zeit mehr fürs Diplom) sich dabei fast ein wenig autistisch in seine innere Welt treiben lässt, gibt er gerne zu: "Bach, Mozart oder Schubert nehmen einen andie Hand und zeigen einem den Weg". Dass Stadtfeld sich mit seinem CD-Erstling "Goldbergvariationen" in so spektakuläre Konkurrenz begab, den Vergleich mit Glenn Gould heraufbeschwor, war ihm zunächst nicht so klar. Mitt lerweile bewundert er auch den Mut seiner Plattenfirma Sony, die dieses Wagnis mit ihm einging. Der sensationelle Erfolg verblüffte ihn, Negatives schockierte ihn, "aber man bekommt eine ironische Distanz und macht dann einfach seine Sache weiter". So hält es der liebenswürdig-uneitle junge Mann auch mit seinen Programmen.

Bach steht ganz obenan -"ich habe bei den Goldbergvariationen wirklich etwas Ureigenes zu sagen" -und wird nicht nur mit Mozart oder Schubert kombiniert, sondern auch mit Berg oder Schönberg konfrontiert. "In meinem Urlaub, zehn Tage, habe ich Bach-Partiten gelesen wie ein Buch und nur im Kopf, im Geist, ohne Klavier erarbeitet. Wenn sich auf einmal die Dinge klären, dann macht es klick, und man kann alles aufs Instrument übertragen." Nach der zweiten Bach-CD (Klavierkonzerte) orientiert sich Stadtfeld für die dritte in eine extrem andere Richtung: Rachmaninow. "Da gehört so viel Kraft und männliche Reife hinein . . .", schwärmt er und verrät, dass er sich für Brahms Klavierkonzerte noch etwas Zeit gönnen will.

Wenn Martin Stadtfeld im Oktober unter Lorin Maazel bei den Münchner Philharmonikern debütiert, steht Mozarts d-moll-Konzert auf dem Programm und im Februar 2007 spielt er in München Mozart, Berg und Schubert. Doch schon heute schmuggeln er und seine Mitstreiter -die Sänger Anne Sophie von Otter und Simon Keenlyside, der Geiger Joshua Bell und Reinhard Mey -ein bisschen Klassik in die Wohnzimmer.

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