Bach ohne Zierrat

- Vom triumphalen Finale des Passionsmarathons zu sprechen, wäre angesichts der musikalischen Leistung gerechtfertigt, wirkt bei Philippe Herreweghe jedoch irgendwie unangemessen. Zu wenig setzt er in Bachs "Johannes-Passion" auf Überwältigung durch Theatralik. Seine Interpretation mit dem Collegium Vocale Gent, die in Münchens Philharmonie heftige Begeisterung auslöste, ist in bestem protestantischen Geiste: Schmuck- und Zierrat-frei, konzentriert auf textliche und instrumentale Substanz, weniger auf ihre effektvolle Verkleidung.

Herreweghes subtile Hervorhebungen haben - vor allem in den Chorälen - nichts gemein mit der Gefühligkeit mancher Kollegen. Gerade im Unspektakulären, Bescheidenen liegt die Kraft seiner Deutung, die zum Hinhören zwingt, ihre Erkenntnisse nicht aufdrängt.

Von vielem ließe sich schwärmen. Vom Eingangschor mit den intensiv flutenden Koloraturen; von rasanten, nie gehetzten Turbae; von der organischen, kleinteiligen Phrasierung, die das Klangbild auflichtete; vor allem aber von großartigen Solisten: Christoph Pré´gardien als eindringlicher, diktionsgenauer Evangelist, ein Gegenpol zu Sebastian Noacks markigem Christus. Ingeborg Danz war akustisch ins Abseits verbannt, untermauerte dennoch ihre Stellung als führende Konzert-Altistin.

Sibylla Rubens (Sopran) hatte mit dem stratosphärischen "Zerfließe" keine Mühe, wirkte indes etwas zu soubrettenhaft. Solide, mit großem Engagement: Thomas E. Bauer (Bass). Und Jan Kobow absolvierte seine Arien mit einer Souveränität, die vergessen ließ, dass Bach hier zwei Tenor-Zumutungen hinterlassen hatte. Was also tun? Am besten alle im Studio zusammenspannen _ und diesen Muster-Bach auf CD bannen.

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