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Nikolaus Bachler.

Intendant der Bayerischen Staatsoper

Bachler zum Opern-Erfolg: "Wer sonst, wenn nicht wir?"

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München - Entspannt, freundlich und zuvorkommend bittet Nikolaus Bachler zum Gespräch in seinem Büro. Kein Wunder: Er ist mehr als erfolgreich als Intendant der Bayerischen Staatsoper, die jetzt sechsfach ausgezeichnet wurde.

Entspannt, freundlich und zuvorkommend bittet Nikolaus Bachler zum Gespräch in seinem Büro: Auf den ersten Blick ist schwer auszumachen, was der sechsfache Erfolg seines Hauses, der Bayerischen Staatsoper, bei der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Opernwelt“ im Intendanten ausgelöst hat. Wir haben bei Bachler nachgefragt und über die Widersprüchlichkeit von Auszeichnungen gesprochen – und darüber, was ihn mit Franz Beckenbauer verbindet.

Was ist Ihnen als Erstes durch den Kopf gegangen, als Sie vom Erfolg Ihres Hauses bei der „Opernwelt“-Umfrage erfahren haben?

Wer sonst, wenn nicht wir? (Lacht.) Einerseits. Andererseits zeigt mir das Ergebnis, dass es sich ausbezahlt, dass wir den Weg, den wir uns vorgenommen haben, konsequent gegangen sind.

Es heißt, der Erfolg habe viele Väter. Wie viele sind es in der Staatsoper?

(Ohne Zögern.) 1000. Weil wir 1000 Mitarbeiter haben. Und das sage ich jetzt nicht einfach so. Es ist vielmehr das Wesen von Theater: Man denkt ja gerne, dass es um Einzelne geht, zum Beispiel um die Stars. Doch in Wahrheit geht es nur gemeinsam. Eine der schönsten Geschichten in diesem Zusammenhang: Vor wenigen Tagen traf ich am Aufzug einen jungen Techniker, der seit eineinhalb Jahren bei uns ist, und fragte ihn: „Na, sind Sie immer noch froh, dass Sie hierher gekommen sind?“ Er antwortete: „Was heißt froh? Es ist ein Privileg, hier zu arbeiten.“ Dass sich diese Einstellung durch unser ganzes großes Haus zieht, das ist, was zählt.

Inwiefern?

Weil ich die altmodische Auffassung habe, dass wir als Theater einen gesellschaftlich-humanitären Auftrag haben. Unsere Aufgabe ist es zudem, die Gesellschaft zu befragen, zu spiegeln. Ein Theaterabend ist nicht l’art pour l’art. Diesem Auftrag kann man nur gerecht werden, wenn alle 1000 Mitarbeiter mitziehen.

Die Aussage des Technikers ist ein Kompliment für den Intendanten.

Mein größtes Anliegen – vielleicht auch meine größte Stärke – war immer das Biotop, wie ich es nenne. Im Gegensatz zu anderen kann ich gut damit leben, dass das Rampenlicht nicht mir gehört. Aber es ist meine Aufgabe, wie wir hier im Haus miteinander umgehen. Das ist ein Grund, warum es mich bereits in jungen Jahren interessiert hat, ein Theater zu leiten: Theater kann ein Reservat sein. In einer Gesellschaft, die sehr kalt und gewinnorientiert geworden ist, dürfen und müssen wir anders sein. Ich bin zwar Unternehmer, muss aber nicht auf Gewinn achten – unser Gewinn muss ein geistiger sein. Oder nehmen Sie die Frage des Umgangs untereinander: Wir dürfen den Menschen ins Zentrum stellen – und müssen nicht aufs Ergebnis starren. All das gehört zum Feld des Intendanten.

Bleiben wir bei dem Gedanken, dass Sie nicht gewinnorientiert arbeiten müssen. Nun steht die Staatsoper mit einer Auslastung von rund 95 Prozent auch wirtschaftlich sehr gut da...

Man muss auch Glück haben. (Lacht.) Doch das wirkliche Glück ist, dass man wirtschaftliche Erfolge erreicht, ohne Kompromisse bei Inhalten machen zu müssen. Da geht der Dank zum einen an unsere Künstler. Es ist aber auch der Stadt gedankt: Wir stellen bei den Menschen hier eine große Offenheit fest; wir können ihnen einen Diskurs zumuten, ohne dass sie sich abwenden. Schauen Sie nach New York oder London, wie schnell es dort heißt: Das geht nicht. In München geht zunächst mal alles. Das ist Voraussetzung für Kunst.

Wie fließt diese Offenheit in Ihre Planung ein?

Das ist Teil der Strategie. Das betrifft Fragen wie: Welche Leute binde ich, welche Regie-Handschriften will ich am Haus? Wo probiere ich mit jungen Leuten etwas aus? Es ist ja keine Kleinigkeit, einem 30-jährigen Burschen, der noch nie eine Oper inszeniert hat, die Festspielpremiere zu geben (Antú Romero Nunes inszenierte heuer „Guillaume Tell“; Anm. d. Red.). Ich habe das gemacht, weil ich einerseits an ihn glaube, und andererseits, weil ich weiß, dass ich ein sicheres Netzwerk habe. Das war ein glückhaftes Ergebnis, obwohl es in der Kunst vollkommen normal und auch notwendig ist, dass manches nicht glückt, dass man Irrwege geht. Auch daran sollen die Zuschauer teilnehmen. Wir entwickeln ja kein Produkt wie ein Medikament, das wir erst rauslassen, wenn sich die Wirksamkeit in Tests bewiesen hat. Wir testen öffentlich! Auszeichnungen wie die aktuellen geben einem dazu die Sicherheit. Und Sicherheit macht mutig.

Macht die Sicherheit auch gelassener?

Ja. Der Mensch will doch geliebt werden, will angekommen. Natürlich braucht man bei Gegenwind Stoizismus, Gelassenheit. Als Intendant braucht man sie zudem, weil das Hochemotionale, das Außergewöhnliche, also das, was außerhalb der Norm liegt, unser Stoff ist. In einer Firma ist das Ziel, dass alle getaktet sind. Bei mir im Haus geht es um den Fehltritt. Da braucht man jede Menge Gelassenheit: Wenn alle durchdrehen, muss ich Kurs halten und darf nichts konsumierbar machen. Diese Gelassenheit musste ich auch lernen.

Sie haben zu Beginn Ihrer Münchner Intendanz gesagt, man müsse hier anders Oper machen als in Stuttgart oder Frankfurt. Würden Sie den Satz heute so wiederholen?

Ja! Ich schätze die Arbeit der Kollegen hoch; jeder hat seine Aufgabe und seinen Platz. Aber natürlich müssen wir die Besten der Welt bei uns versammeln. Das ist international unser Alleinstellungsmerkmal: Wir machen Musiktheater mit den allerbesten Leuten. Wir haben interessante Produktionen in Frankfurt, Brüssel oder Bremen. Wir haben konservative Häuser wie die Met, Covent Garden oder in Wien, wo natürlich auch alle großen Sänger auftreten. In München führen wir beides zusammen.

Manche Ihrer Produktionen kamen bei den Kritikern weniger gut an. Sind die Auszeichnungen durch die „Opernwelt“ daher auch Genugtuung?

Nein, sie sind widersprüchlich. Die Auszeichnungen sind toll fürs Haus und die Mitarbeiter. Doch für Genugtuung gibt es keinen Anlass. Dafür war der Weg zu schön. Widersprüchlich ist das Ergebnis, weil ich der Meinung bin, dass sich die Kunst einem Ranking entzieht. Wir sind ja nicht beim Sport. Alban Berg wäre zu Lebzeiten nie Komponist des Jahres geworden – daran muss man immer denken.

Wenn wir uns die Oper unter Ihrer Leitung als Puzzle vorstellen: War die Verpflichtung von Kirill Petrenko ein entscheidendes Teil, das bis zur vergangenen Spielzeit gefehlt hat?

Es ist das Wichtigste überhaupt. Jedes Opernhaus braucht musikalisches Zentrum und musikalisches Maß. Petrenko gibt dieses musikalische Maß in einer idealen Form vor: Er ist einerseits besessen und unbedingt in seinen Forderungen, andererseits nimmt er emotional alle mit. Das macht sicher auch seinen Erfolg beim Publikum aus. Außerdem ist Petrenko – wenn er nicht in Bayreuth ist – die ganze Zeit hier. Dass ein Dirigent von diesem Weltniveau ständig am Haus ist, ist heutzutage absolute Ausnahme.

Nach der „Soldaten“-Premiere war der Jubel sehr, sehr groß. Ist das der Moment, in dem bei Ihnen Anspannung abfällt?

Nein, ich habe sozusagen Postnatale Depression. Freude über eine Produktion kommt für mich erst nach und nach. Das hat damit zu tun, dass man als Intendant keine Katharsis erlebt. Der Sänger, der Schauspieler wird seine Emotionen auf der Bühne los – der Intendant nicht. Erinnern Sie sich an die Fußball-WM 1990 in Italien mit Beckenbauer als Teamchef? Damals war ich schon nicht mehr Schauspieler, sondern in der Leitung tätig. Am Ende gab es dieses Bild: Alle feierten – und dann schwenkte die Kamera auf den einsam am Mittelkreis gehenden Beckenbauer. Mir liefen zuhause die Tränen runter, weil ich genau wusste, was er empfindet.

Noch nie ist eine Oper mit derart vielen Auszeichnungen in eine Spielzeit gestartet wie die Münchner. Wie verhindern Sie, dass das Haus nun satt wird? Wie halten Sie das Feuer am Lodern?

Das ist am Theater einfacher als anderswo: Wir wissen, dass mit dem Fallen des Vorhangs das Spiel wieder offen und neu zu führen ist. Trotz Erfolg und Auszeichnungen muss sich jeder Abend von Neuem erweisen.

Was sind Ihre Ziele mit der Staatsoper?

Die Räume, die wir aufbrechen, zu erweitern. Zu beweisen, dass der Repertoire-Betrieb nicht notwendigerweise in der Konventionalität münden muss. Das Wichtigste ist aber, dass wir in einem Metier, dessen Werke aus der Vergangenheit kommen, in unseren Aussagen zeitgenössisch bleiben.

Ihr Vertrag in München läuft bis zum Jahr 2018. Nach allem, was zu hören ist, würde der Freistaat Sie gerne halten. Haben Sie sich bereits damit beschäftigt, wie Ihre berufliche Zukunft aussieht?

Nein. Ich habe mit Kirill Petrenko ausgemacht, dass wir uns das im Laufe dieser Spielzeit überlegen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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