Porträtaufnahme der Autorin Helga Schubert.
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Helga Schubert legt ihr neues Buch „Vom Aufstehen“ vor.

Helga Schubert legt ihren Erzählband „Vom Aufstehen“ vor

Bachmann-Preisträgerin Helga Schubert hebt einen literarischen Schatz

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Vor einem Jahr gewann Helga Schubert den Ingeborg-Bachmann-Preis. Jetzt ist ihr neuer Erzählband „Vom Aufstehen“ erschienen. Das Buch ist ein literarischer Schatz.

  • Im Alter von 80 Jahren gewann Helga Schubert im vergangenen Jahr den Bachmann-Preis.
  • Vor 40 Jahren war die Autorin schon einmal nach Klagenfurt eingeladen, die DDR ließ sie aber nicht reisen.
  • Nun ist Schuberts neuer Erzählband „Vom Aufstehen“ erschienen.

Ein Glück, dass es sie gibt: jene Bücher, die nachwirken, die bei der Lektüre etwas anstellen mit dem Lesenden, etwas zum Klingen bringen und somit Großes, Gültiges berühren. Bücher, die vielleicht sogar die Kraft haben, etwas zu verändern. In uns. Klingt pathetisch, ist aber so. Helga Schubert ist mit „Vom Aufstehen“, das heute erscheint, ein solch bemerkenswertes Stück Literatur gelungen.

„Ein Leben in Geschichten“ nennt Schubert ihr Buch im Untertitel

„Ein Leben in Geschichten“ nennt die 81-Jährige ihr Werk im Untertitel bescheiden. Letztlich erzählt sie auf den mehr als 200 Seiten auch nichts anderes. Sie packt (Selbst-)Erlebtes – kondensiert zu Literatur – in 29 Geschichten. Doch freilich ist „Vom Aufstehen“ viel mehr als das.

Die DDR verhinderte 1980 Schuberts Teilnahme am Bachmann-Preis

Seinen Titel hat das Buch von der letzten Erzählung. Es ist jener Text, mit dem Helga Schubert im vergangenen Jahr den Bachmann-Preis gewonnen hat. 40 Jahre zuvor war sie schon einmal zum Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen – und durfte nicht antreten: Die DDR hatte ihr die Fahrt nach Österreich verboten. Auch, da der damalige Jury-Vorsitzende Marcel Reich-Ranicki der Staatssicherheit als „berüchtigter Antikommunist“ galt.

Schubert gewann in Klagenfurt 2020 mit „Vom Aufstehen“

2020 gewann sie nun mit einem wunderbar leisen Beitrag. Sensibel verwebt „Vom Aufstehen“ Rückblicke auf Schuberts Leben mit ihrer dominanten Mutter, die 101 Jahre alt wurde und wahrlich keine einfache Frau war, mit Momenten aus dem Alltag mit ihrem Mann, dem Psychologen und Maler Johannes Helm.

„Mein idealer Ort ist eine Erinnerung“, lautet der erste Satz des Buches. Das Erinnern, das Zurückdenken, das Nachdenken über Gewesenes ist ein treibender Motor in der Literatur von Helga Schubert. „Immer will ich alles zusammenhalten und nichts auseinanderfallen lassen“, notiert sie in einem späteren Kapitel. Dabei ist Archivieren und Bewahren nie Selbstzweck. Die Autorin ist tatsächlich weit entfernt davon, Chronistin eigener Befindlichkeiten zu sein. Vielmehr gelingt es ihr, Geschehenes zu durchdringen und dabei Allgemeingültiges zu finden.

Die Erinnerung ist Schuberts literarischer Motor

Eine weitere Antriebskraft ihres Schreibens, wohl auch ihres Lebens, ist ein tiefer, vollkommen selbstverständlicher und daher unaufdringlicher Glaube. „Heute weiß ich: In dieser einen Woche vor Ostersonntag passiert alles, was ich inzwischen vom Leben verstanden habe“, heißt es etwa in „Meine Ostergeschichte“, einer zurückhaltenden, daher umso wirkmächtigeren Erzählung: „Wie schnell sich das Schicksal für einen Menschen ändert, dass man verraten werden kann. Dass es immer unvermuteten Beistand gibt und einen Ausweg. An diese Hoffnung will ich erinnert werden. Einmal im Jahr.“ Der Trost, den Erinnerung zu spenden vermag, und die Stärke, die aus der Literatur erwachsen kann – hier finden wir sie erneut.

Schubert arbeitete zunächst als Psychotherapeutin

Wer derart fest verwurzelt ist, fürchtet sich auch nicht vor dem, was vor uns liegt. Für die Zukunft, die in jedem Menschen keimt, findet die Autorin oft einprägsame Bilder in der Natur. Da berichtet Schubert etwa vom „alten Freund“, der sie winters in Neu Meteln in Mecklenburg besuchte, wo sie seit den Siebzigern zuhause ist. Er wollte über den „gefrorenen Acker“ gehen. „Er lebte in der Stadt, da hat er die unsichtbare Gewissheit nicht wie hier, das sinnliche Bild für seine Hoffnung, dass es weitergeht, dass unter der gefrorenen Erde neues Leben entsteht.“ Ohne diese Erfahrung aber könne er „wegen seiner Trauer“ die dunkle Zeit nicht überstehen. Steckt dieser „alte Freund“ nicht auch in jedem von uns?

Schubert scheint das zu wissen. Zum Schreiben kam die Schriftstellerin spät, die 1940 in Berlin geboren wurde. Nach dem Psychologie-Studium arbeitete sie als Psychotherapeutin. Die Lyrikerin Sarah Kirsch (1935-2013) war beim Aufbau Verlag die Türöffnerin; hier erschien 1975 Schuberts Debüt, der Erzählband „Lauter Leben“.

„Vom Aufstehen“ zeichnet sein unaufgeregter Stil aus

Ihr neues Buch ist nicht nur von enormer Kenntnis des Menschen und seiner Seele geprägt (dafür leistete ihr sicher das Wissen aus ihrem ersten Beruf gute Dienste). „Vom Aufstehen“, das sich durch einen klaren, wunderbar unaufgeregten Stil auszeichnet, durchzieht obendrein behutsamer Witz und das Gespür für Skurriles. Sie sei eben „untypisch“ schreibt die Autorin – und ruft kurzerhand ihren Kardiologen in den Zeugenstand.

Am Ende entlässt Schubert uns mit großem Trost: „Ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz.“ Glücklich, wer das von sich sagen kann.

Informationen zum Buch:

Helga Schubert: „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“. dtv, München, 224 Seiten; 22 Euro.

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