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Schwester Edelhild ist eine von heute zwei Bewohnerinnen der ehemaligen Mann-Villa. Die beiden Frauen empfangen hier Erholung suchende Mitschwestern.

Journalisten werden durch Villa geführt

Bad Tölz feiert jetzt ein Jahr lang Thomas Mann

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In Bad Tölz steht das „einzige echte Haus“ von Thomas Mann. Der Nobelpreisträger, der sehr gerne in der Kurstadt gelebt hat, wird jetzt ein Jahr lang gefeiert. Es gibt einiges zu erzählen. Auch Neues.

Bad Tölz – „Zauberflöte“ ruft unser Führer einem Herrn zu, der vor seiner Garagentür steht. Martin Hake geleitet gerade ein Grüppchen Journalisten von Thomas Manns einstiger Bad Tölzer Villa an der Heißstraße 25 zurück in die Innenstadt. Er selbst ist sozusagen Nachbar der Manns und erforscht nun schon seit 15 Jahren akribisch alles, was mit der Schriftstellersippe und seiner Heimat zu tun hat. Dass das auch mit viel Humor geschieht, beweist eben jene „Zauberflöten“-Bemerkung. Mit der nämlich tratzt jener Tölzer, an dem wir gerade vorbeigehen, gern Mann-Pilger, die nach dem Landsitz des Nobelpreisträgers fragen. Seine Antwort „Ja, ja, der mit der ,Zauberflöte‘ wohnt da“ provoziert automatisch. Die Reaktion – unter Aufstöhnen: „Zauberberg!!!!“ Nur die Großkopferten nicht zu ernst nehmen – das ist schon eine schöne Tölzer Eigenschaft.

Christof Botzenhart, der dritte Bürgermeister der Stadt im Isarwinkel, wollte aber doch endlich mit diesem einen Großkopferten für seine Heimat Punkte sammeln. Und sicherlich wundern sich alle Auswärtigen, warum das in dem Tourismusort noch nicht längst systematisch geschah. „Der Bulle von Tölz“ kann da wirklich nicht mithalten. Zumal Thomas Mann in einem Brief ausdrücklich von Tölz, „das mir immer so gut gefallen hat“, schrieb. Wie oft Mann (1875-1955) dort war vor seinem belegten Urlaub von 1908, ist laut Hake nicht mehr eruierbar. Sicher ist jedoch, dass der Schriftsteller sich so wohlgefühlt hat, dass er blitzartig ein Grundstück kaufte und ein Landhaus für sich, seine Frau Katia und die Kinder Erika, Klaus, Golo und Monika errichten ließ. Erst später kamen Elisabeth und Michael. Im November 1908 stand bereits der Rohbau, im Juni darauf zog die Familie Mann für die Sommermonate dort ein.

Seltene Einblicke in die Tölzer Thomas-Mann-Villa

Botzenhart betont, dass genau diese Villa „das einzige authentische Mann-Haus“ in Deutschland sei. Also muss man gar nicht bis in die USA schauen, wo die Bundesrepublik Deutschland gerade das kalifornische Exil-Domizil Manns vor dem Abriss rettete. Das Tölzer Alleinstellungsmerkmal soll heuer mit einem Thomas-Mann-Jahr herausgestrichen werden, obwohl oder weil der Dichter vor 100 Jahren das Haus veräußerte. „Wir holen Thomas Mann nach 100 Jahren wieder zurück“, schmunzelt der dritte Bürgermeister. Unter anderem werden neue Funde von Hake präsentiert.

Er, der eigentlich Maschinenbauingenieur ist, arbeitete sich dafür nicht nur durch die alten Ausgaben unserer Heimatzeitung „Tölzer Kurier“, sondern auch durch zum Beispiel das Stadtarchiv. Und fand noch unbekannte Mann-Briefe. Darin ging es um die realen Auswirkungen von dessen Arbeitsstil. Das allergrößte Gebot im Haushalt Mann war, den Künstler absolut niemals beim Schreiben zu stören. Auch die Kinder wurden gnadenlos dazu verdonnert. In Tölz war das nicht schlimm: Der Garten war riesig, ging in der einen Richtung in den Wald über, in der anderen in Wiesen (heute bebaut). Der Klammerweiher war nur ein paar Schritte weit weg. Klaus Mann beschreibt am schönsten seine seligen, freien Kindertage („Kind dieser Zeit“, „Wendepunkt“, „Kindernovelle“). Übrigens auch, dass Erika mühelos auf Bairisch umschalten konnte, er aber gar nicht. Der Papa war dennoch genervt, denn am Haus führte der Weg zum neuen Kindergenesungsheim vorbei, für das er großzügig gespendet hatte. Mann kaufte das „störende“ Grundstück dazu und sperrte damit den Weg. Die Menschen mussten nun durch eine Wiese gehen, was die Gemeinde aktiv werden ließ. Und so trat der Schriftsteller in Korrespondenz mit dem Bürgermeister; ein Kompromiss wurde gefunden.

Das Haus, das heute noch den bezaubernden Charme der bodenständigen Jugendstilvillen ausstrahlt, lag damals noch fast allein am nordöstlichen Rand von Bad Tölz. Der international bekannte Kurort war mit dem Zug gut erreichbar. Wenn Martin Hake heute Interessierte führt, hat er unter anderem vergrößerte Postkarten von einst dabei. Sie zeigen den alten, nicht mehr existierenden Bahnhof oder die kaum bebaute Stadtlandschaft zwischen Isar und Hügeln. Er erzählt davon, dass Katia Mann den berühmten und für Tölz so wichtigen Architekten Gabriel von Seidl zu teuer fand, sodass sein Schüler Hugo M. Roeckl zum Zug kam; die Pläne mit Manns Unterschrift gibt’s noch. Dass die Kinder im Leiterwagerl den Hügel Richtung Innenstadt hinunterrollten und Erika und Klaus sich auf ebenen Straßenstücken von den kleineren Geschwistern haben ziehen lassen. Dass sie im Weiher schwimmen lernten und auf dessen Eis Schlittschuh fuhren.

Wer den Nachbarn des Thomas-Mann-Anwesens begleitet, erfährt viel über seine Leidenschaft, viel über seine Heimat, viel über Geschichte im Großen (Erster Weltkrieg) und im Kleinen. Hake berichtet mit trockenem Humor, ohne Tölz zu verklären. Im Grunde wie Thomas Mann, wenn man im „Tod in Venedig“ Aschenbachs Erinnerung an seinen kühlen, bergigen Landsitz liest, wenn im Roman „Dr. Faustus“ der Klammerweiher nach Polling versetzt wird oder – sehr beeindruckend – die einschmeichelnd tödliche Gewalt des Schnees im „Zauberberg“ geschildert wird. Ganz besonders tölzerisch fühlt man sich bei „Herr und Hund“. Der neue vierpfötige Freund des Hauses wird bei einer Bäuerin am Kogel gekauft. Natürlich hat Hake sie identifiziert und kann vom Tod und Grab des echten Percy am Gartenrand erzählen.

Mit Hake darf die Journalisten-Schar nicht nur die Villa von außen betrachten, sondern auch, was anderen verwehrt bleibt, ins Innere. Was vor allem beeindruckt, ist die Winzigkeit von Manns Schreibstüberl. Kein Wunder, dass er sich dann im neuen Haus in München-Bogenhausen an der Poschingerstraße einen Riesenraum ausbedungen hatte. Mit der „Poschi“ nahte das Ende der Aufenthalte in Bad Tölz. Die Familie zog es im Sommer öfters ans Meer nach Nidden (heute Litauen), wo der Nobelpreisträger ein Domizil erwarb. Mann hatte bereits 1913 versucht, das zu klein gewordene Tölzer Landhaus zu verkaufen; es klappte erst vier Jahre später.

Nach einer Druckerei für bibliophile Bücher und einem Versuch mit einer Reformpädagogik-Schule übernahm 1926 der Orden der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau das Anwesen. Ihm ist es zu verdanken, dass die Thomas-Mann-Villa bis auf Kleinigkeiten unangetastet erhalten blieb. Daneben baute er lediglich das St.-Josefsheim für alte Matres. Das Landhaus selbst, das Schwester Edelhild Felber mit einer weiteren Nonne betreut, dient heute Schulschwestern als Erholungsstätte. Mit den von Bad Tölz angebotenen Führungen werden die Besucher zwar nicht ins Haus, aber in den Garten spazieren dürfen. Empfangen werden sie am Zaun von einer Gedenktafel mit einem Satz aus dem in der Villa entstandenen „Zauberberg“-Roman: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“

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