Bässe durchs Sitzbankerl

- "Ich habe heut' Nacht ganz schlecht geschlafen", kokettiert Jürgen Kolbe, denn es "ist mein Risiko, Ihnen eine unfertige Ausstellung zu zeigen". Eher nicht, wird die Hand voll Journalisten gedacht haben, schließlich kennt man Kolbe nicht nur als mittlerweile legendären Münchner Kulturreferenten, sondern auch als hochengagierten Kreator von Expositionen ("Heller Zauber.

<P>Thomas Mann in München 1894 - 1933" in der Villa Stuck). Seine Einladung zu einem Rundgang durch die noch gänzlich pure Ausstellungsarchitektur (Michael Hoffer), also durch Pressholzplatten, die sich durch Samt und Farbe von Weinrot bis Königsblau in eine fantastische Welt verwandeln, war natürlich wohl vorbereitet - und damit beste Werbung für die Schau "Wagners Welten". Vom 17. Oktober '03 bis 25. Januar 2004 wird sie im Münchner Stadtmuseum 2000 Quadratmeter besetzt halten; und, so lässt sich jetzt schon ahnen, das Publikum faszinieren.</P><P>"Das Halbfertige in Reinkultur" ist in Kolbes Kopf schon lange fertig: Drei Jahre arbeitet er bereits an dem Projekt. Sein Konzept mag manchen Musikwissenschaftler zusammenzucken lassen, der Museumsbesucher schnauft jedoch erleichtert auf. Nicht der Staub von Partituren wird durchs Haus am St.-Jakobs-Platz wabern, sondern echter Bühnennebel, und der Oberwagnerianer und Kolbe'sche Leib- und Magen-Dichter Thomas Mann wird uns mit vielen klugen Worten durch die Exposition geleiten. Nur der Wagner-Kitsch mit Leni Riefenstahl und Walkürenritt zum Helikopter-Angriff in "Apocalypse now" bleibt ihm erspart. Für den Betrachter/Hörer geht's gleichermaßen sinnlich weiter. Wenn es mit Mann "heilig" um Wagner wird, schmeicheln sich "Rheingold"-Klänge ins Ohr, und durch das Sitzbankerl fahren einem die Bässe in den Unterleib.</P><P>Kein wichtiges Werk wird ausgelassen - stets mit Hörbeispielen -, weder Hitler noch Ludwig II., kein wichtiger Künstlerkollege; zum Beispiel wird man Neues über Heine und den Komponisten erfahren. Den Frauen von Minna bis Cosima ist ein Chambre séparée gewidmet. Dazwischen: Exponate wie eine Schwanen-Phalanx, Originalbühnenbilder zur "Lohengrin"-Uraufführung von 1850 oder wie Ludwigs II. extra für Wagner-Partituren angefertigten Notenschrank; sämiger Sound, den Akustiker derzeit raffiniert in die Architektur integrieren, und Schmankerl wie die Computeranimation des nicht realisierten Münchner Wagner-Theaters von Gottfried Semper. - Und immer kommentiert der große Th. M.<BR></P>

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