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Szene aus der "Liebestrank".

Porträt zur Gärtnerplatz-Premiere

Bis die Bahncard glüht

Dort, wo er singt und spielt, ist Theater: Stefan Sevenich übernimmt den Dulcamara in Donizettis „Liebestrank“

Warum nicht mal ein kleines Gedankenexperiment: Man sperre den Regisseur weg, verzichte auf Dekoration, lasse die Verkleidung im Schrank – und Stefan Sevenich würde trotzdem funktionieren. Weil er zu einer raren Opern-Spezies gehört. Eine Spezies, die jeder Intendant braucht, auf die bei Premieren, vor allem aber in manch müder Abo-Vorstellung Verlass ist. Denn egal, wo sich dieser Mann aufhält, ob vom Bühnenrand das Geschehen mit Blicken und Gesten kommentierend oder – wie zumeist – im Lichtkegel stehend: Dort, wo Sevenich singt und spielt, ist Theater.

Kein Wunder also, dass Intendant Ulrich Peters „seinen“ Bassbariton von Augsburg ans Münchner Gärtnerplatztheater mitgenommen hat. Und ihn hier mit einem vollen Terminkalender konfrontiert – von Mozarts Figaro über den Doolittle („My Fair Lady“) bis zum Giacomo („Fra Diavolo“). Der nächste Brocken wartet am kommenden Freitag: Da singt Stefan Sevenich den Dulcamara in der Premiere von Donizettis „Liebestrank“.

„Eigentlich bin ich ein scheuer Mensch“, sagt er. Was man ihm, dem Muster-Buffo, natürlich nicht glaubt. „Nachdenklich“ würde schon eher passen. Denn trifft man Stefan Sevenich, ist man zum Beispiel schnell in einer tiefgründigen Diskussion über das Wesen des Humors gelandet. Sevenich muss es wissen: Seine Pointen sitzen. Mit „Schenkelbrüllern“ könne er nicht viel anfangen. Und Mario Barth bezeichnet er grinsend und höflich als „erfolgreichen Kollegen“, äußert sich aber nicht näher dazu. Drauf drücken, um ein passives Publikum zum Lachen zu bringen, sei ohnehin nicht das rechte Rezept. „Ich sage mir immer: Wart’ ab, die kommen schon.“

Was also ist nun das Geheimnis eines Spaßmachers? „Das, was raus muss, muss eben raus“, formuliert es Sevenich. „Ich war schon immer ein Bühnentier. Man kommt mit dem Drang wahrscheinlich auf die Welt. Früher hat das Spiel bei mir auch vieles überdeckt, ich glaube, das Stimmliche hat inzwischen aufgeholt.“ Humor als genetische Angelegenheit, das wäre freilich zu kurz gedacht. Vor allem ist es harte Arbeit, stete Selbstkontrolle inklusive. Sevenich bewundert Größen wie Loriot und Heinz Erhardt, ihre fanatische Suche nach der richtigen Witzdosis und dem passenden Timing. Und dass sich da einer so viele Gedanken macht und dies auf der Bühne wirksam anwendet, ist irgendwann auch der Musikhochschule Augsburg/ Nürnberg aufgefallen. Bis vor kurzem war Sevenich dort Dozent für szenische Darstellung, hat auch inszeniert – und dem Nachwuchs die Standardgesten à la Colliergriff oder Stand-/Spielbein mit ausgestrecktem Arm ausgetrieben. „Gesangstechnische Bewegungen haben in der szenischen Darstellung nichts zu suchen.“ Kein Sänger denke anfangs an seine Bühnen-Umgebung. „Aber das ist heilbar.“

Obwohl Sevenich, der aus Neuwied am Rhein stammt, seit September 2007 in München Ensemblemitglied ist, wohnt er weiterhin mit seiner Frau und den beiden Kindern in Augsburg. Den Abstand vor und besonders nach der Vorstellung brauche er. Das Gefühl, er könne das Theater gleichsam abstreifen, um wieder im normalen Leben anzukommen. „Meine Bahncard 100 habe ich dabei schon zum Glühen gebracht.“

Ob er, der geborene Leporello, nicht doch neidisch auf die Don Giovannis dieser Welt ist? „Nein, ich weiß ja, was ich an meinem Fach habe“, wehrt Stefan Sevenich ab und deutet auf seinen Körper. „Ich als klassischer Liebhaber? Ich bitt’ Sie!“ Er könne sich einfach nicht vorstellen, der Held zu sein. Der Fra Melitone in Verdis „Macht des Schicksals“ oder der Magnifico in Rossinis „Cenerentola“, das seien die ihm wesensverwandtesten Partien. „Und ich würde auch gern wieder ein guter Wozzeck sein.“ So wie vor über zehn Jahren in Regensburg. Weltfremde Schönlinge stehen Sevenich schließlich nicht. „Manchmal juckt’s mich in der ,Zauberflöte‘. Am liebsten würd’ ich den Tamino schütteln und ihm zurufen: Junge, ich weiß nicht, was du für’n Problem hast.“

von Markus Thiel

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