Bajuwarische Kraftmeiereien

- Gut, "Ein verrücktes Paar" mit Walter Matthau und Jack Lemmon mag ein amüsantes Filmchen sein. Doch dauerte es eben bis 17.45 Uhr, was ZDF-Konsumenten vom frühen Höhepunkt des Silvesterkonzerts aussperrte.

<P>Denn als man sich in der Berliner Philharmonie zuschaltete, da war sie schon vorbei: Simon Rattles Deutung von Beethovens dritter "Leonoren"-Ouvertüre. Kein akrobatischer Akt, sondern ganz aus dem Geist des "Fidelio" entwickelt, also eher zurückgenommen, klug das kompositorische Material aushorchend, mit geisterhaften Herzklopf-Passagen, perfekt eingepassten Soli - und doch überwältigend in ihrer technischen Finesse.<BR><BR>Fast unverschämt brillant</P><P>Wohl alles Beiwerk, wenn Orffs "Carmina Burana" folgen. Das Programmheft trompetete vom "wahrscheinlich am häufigsten aufgeführte Chorwerk der Musikgeschichte", der Chef schien dem entgegenzuarbeiten. Denn statt dem exzellenten Berliner Rundfunkchor die Hauptrolle zu lassen, die fast übertriebene, konsonantenreiche Expressivität des Textes herauszustreichen, durch die sich die "Carmina" schließlich definieren, rückte Rattle die Berliner Philharmoniker ins Rampenlicht. Orffs Opus kommt ja dem Furor-Fan Rattle entgegen, dessen Interpretationen stets eine scheinbar naive Freude am gerade Dirigierten versprühen. Und mag auch der Chor von der philharmonischen Walze überrollt worden sein: So lebensprall und klangbewusst, so sehnig und fast unverschämt brillant wirft sich womöglich kein anderes Orchester in die bajuwarischen Kraftmeiereien.<BR><BR>Bariton Christian Gerhaher schien - als Straubinger irgendwie naturgemäß - den Geist des Werks als Einziger zu erfassen, dies mit variantenreicher, offensiver, fast zur Überpointierung neigender Deklamation. Sally Matthews sang formvollendet, führte dabei eitel ihren abgedunkelten, gaumigen Sopran vor. Tenor Lawrence Brownlee schien, obwohl enorm höhensicher, vom Ganzen unberührt.<BR><BR>Ovationen, sympathische Ehrungen für einen scheidenden Philharmoniker und eine ironische, dem Anlass angemessene Geschmacklosigkeit: Händels Halleluja aus dem "Messias" in einer aufgedunsenen Monsterfassung, die sich Thomas Beecham einst erstellen ließ. Was einen doch automatisch zur Fraktion der Originalklangfans treibt.</P><P> </P>

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