In Balance

- "Aber wenn ich schließlich arbeite, frage ich nach dem Unbekannten. Das ist mein wirkliches Problem. Ich arbeite, um zu wissen; meine Arbeit ist eine Frage des Wissens. Wissen ist etwas in der Vergangenheit; zu wissen ist etwas in der Zukunft."

<P>Gegenwart, Vergangenheit und das Künftige sind nun für Eduardo Chillida verschmolzen - wie auch Wissen und Lernen. Der große baskische Bildhauer starb am Montag nach schwerer Krankheit im Alter von 78 Jahren in seiner Heimatstadt San Sebastian. Noch zum 75. war der Weltberühmte in Spanien, das sein Werk lange verkannt hatte, mit ›22uvre-Ausstellungen hoch geehrt worden, noch 2000 konnte er sein eigenes Museum "Chillida Leku" in Hernani (bei San Sebastian; www.eduardo-chillida.com) eröffnen. Nicht nur König Juan Carlos, sondern auch Gerhard Schröder erwiesen ihm damals und jetzt ihre Reverenz.</P><P>1924 im Baskenland geboren, studierte Chillida zunächst Architektur - die Karriere als Profifußballer war nach einer Verletzung geplatzt -, wechselte aber 1947 zur bildenden Kunst. Ein Jahr später ging er nach Paris und suchte neben seinem Maler-Freund Pablo Palazuelo seinen persönlichen Weg als Bildhauer. Schnell löste er sich von figürlichen Elementen und entwickelte eine ganz spezielle Abstraktion.</P><P>Die aber wirkt meist so, als sei ihr wahres Wesen doch von realen Figuren geprägt, als stünde dahinter immer noch die Ahnung eines Kopfes, einer Hand, eines gedrungenen Rückens, eines bis auf die Rippen bloßgelegten Brustkorbs. Das ist zu sehen bei der noch filigranen Serie "Geist der Vögel" aus den 50er-Jahren und immer noch bei der Riesenplastik "Berlin" vor dem Kanzleramt in der Hauptstadt. Sie veranschaulicht gewissermaßen realistisch das Zusammengehen beider Teile Deutschlands nach der Wiedervereinigung - mit all ihren zaghaften Annäherungen und all ihren Abstoßungsreaktionen. Kaum zu glauben, dass jemand mit einem derart massiven Material so feinsinnig argumentieren kann.</P><P>Chillida hatte sich in seinem ›22uvre vor allem dem spröden Element Eisen zugewandt, jenem Stoff, der nicht wie Holz oder Stein von der Natur vorgegeben ist, sondern der an sich schon mühsam gewonnen werden muss. Und so ist bei allen Werken des Bildhauers der absolute Wille, sich durchzusetzen, aber auch die extreme Anstrengung zu spüren. "Ich glaube, dass es, um wirklich etwas zu schaffen . . . , wichtig ist, ehrgeizig zu sein", sagte er einmal in einem Gespräch, "aber dieser Ehrgeiz muss durch Können aufgewogen werden. Meines Erachtens ist Balance wichtig für Schöpfung; Balance und Wahrnehmungsvermögen . . ."</P><P>Sehr variantenreich, trotz aller Herbheit durchaus verspielt ist Eduardo Chillidas Umgang mit Raum, Form, Volumen, Umgriff und dem weiteren Kontext der Plastik. Eindeutig auch sein Bekenntnis zum Handwerklichen, zum Technischen. Oft scheinen Vierkant-Träger oder Stahlplatten-Rohlinge Pate für eine Skulptur gestanden zu haben. Aus gerollten oder gebogenen Elementen werden Rechtecke, Halbkreise, Flächen ausgestanzt, weggekrümmt, abgewinkelt oder umgeklappt. Ob Chillida Scheiben auf Quasi-Tischbeinen in die Horizontale legte, ob er aus Stelen Eisen wachsen ließ, ob er gewaltige Monumente in die Landschaft stellte (etwa den "Kamm der Winde" an der Küste von San Sebastian), oder ob er zart zeichnete und wunderbar ausgewogene Grafiken entwickelte, er beherrschte das alles: mit einer ganz eigenen vitalen Wärme. Sie ist nun erloschen.<BR></P>

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