Balance, Ruhe und Größe

- "Die Schallplatte ist die Negierung der Musikalität", empörte er sich. "Was die Platte nicht kann: die ursprüngliche Spontaneität wiederherstellen. Die göttliche Präsenz, die ist ganz ausgeschlossen." Doch was ist, wenn es den Überbringer solch göttlicher Präsenz nicht mehr gibt? Wenn eine Denkungsart von Musik, die wie ein erratischer Block aus der Interpretationsgeschichte herausragt, nicht mehr live erlebbar ist? Einfach alles dem Vergessen überlassen?

<P>Es ist bereits die vierte CD-Edition mit Aufnahmen von Sergiu Celibidache am Pult der Münchner Philharmoniker, die bei der EMI herauskommt, am Pult jenes Orchesters also, das er von 1979 bis zu seinem Tod 1996 leitete. Aus Celis Sicht "Blasphemie" - dies aber zum rechten Zeitpunkt, scheinen sich doch die Philharmoniker unter dem gerade inthronisierten Christian Thielemann auf frühere Tugenden zu besinnen.<BR><BR>Die früheren Tugenden des Orchesters</P><P>Welche das waren, verdeutlichen die 15 CDs mit Werken unter anderem von Bach, Verdi, Rossini, Wagner, Mozart, Schostakowitsch und Tschaikowsky: der seidige Klang; die Fähigkeit, diesen Klang aus vollkommener Entspannung zu entwickeln und zu modellieren; die bezwingende Steigerungs-Dramaturgie (etwa im "Tristan"-Vorspiel). Auch die nahezu perfekte Intonation, das vollkommene Wissen um das Woher und Wohin einer kompositorischen Situation, die Gabe, jedes Stück dadurch nachvollziehbar zu machen - und der Musik Balance, Ruhe und Größe zu geben.<BR><BR>Das muss nicht immer mit Celibidaches berühmten Zeitlupen-Tempi verbunden sein wie im rekordverdächtigen Introitus des Mozart-Requiems oder dem ersten Kyrie aus Bachs h-moll-Messe. Doch solche extremen Momente entfalten eine ungeheure Sogkraft, künden auf einmal von Dingen hinter der Partitur, die kein anderer derart plausibel machen konnte. Gerade Bach verträgt das, mag dies für den wackeren Chor der Mainzer Gutenberg-Universität auch härteste Vokal-Arbeit bedeuten.<BR><BR>Dass nicht alle dieser hier dokumentierten Aufführungen gelangen, ist zu verschmerzen. Ein Problem sind die Oratorien, in denen Celibidache oft auf ungenügende Solisten vertrauen musste. Sänger, die etwa das Verdi-Requiem - bei aller nie gehörten Wucht des "Tuba mirum" - schlicht verdarben. Die beste Wahl glückte noch beim Fauré´-Requiem (Margaret Price, Alan Titus), von Celibidache als lichte Himmelsmusik dirigiert, dennoch nie säuselnd, mit großer Plastizität und Tiefenschärfe.<BR><BR>Mit der Einspielung von Tschaikowskys Vierter ist nun das Trio der letzten Symphonien komplett. Zusammen mit der "Nussknacker"-Suite wird noch einmal erlebbar, dass Celibidaches Kompetenzen bei diesem russischen Meister mindestens ebenso hoch einzuschätzen sind wie beim österreichischen Kollegen Anton Bruckner. Ein Höhepunkt in Celibidaches Münchner Ära waren auch die Aufführungen von Rimsky-Korsakows "Sheherazade", deren gewaltig rauschende und raunende Wellenbewegung kein anderer so durch den Saal branden lassen konnte.<BR><BR>Mehr als bei den früheren drei Celibidache-Editionen griff man hier auf Preziosen zurück, auf Hits wie Smetanas "Moldau" oder Schuberts in berührender Melancholie ausgebreitete "Rosamunde"-Zwischenaktmusik, ebenso auf Ouvertüren von Rossini, Verdi, Mendelssohn Bartholdy oder Johann Strauss: Belege nicht nur für Celibidaches theatralischen Instinkt, sondern auch für seinen Humor. Der freilich schäumt nicht aus den Lautsprechern, sondern ist feiner, subtiler, finessenreicher als der vieler Dirigenten, die solche Zehnminüter als effektvolle Applauskitzler missbrauchen. Ganz behutsam, mit übergroßer Liebe wird zum Beispiel die Introduktion von Webers "Oberon"-Ouvertüre angefasst, die danach zu einem wirklich heiteren, schwebeleichten Lustspielton findet. Der hörenswerteste Beleg für den Humor des Maestro findet sich (neben Schostakowitschs skurriler Neunter) bei Rossini, besonders bei der unwiderstehlich gespielten "Semiramis"-Ouvertüre: so als ob einer eine gute Pointe erzählt, dies allerdings, ohne darüber am meisten zu lachen.<BR><BR>"Die Welt hat es bis heute noch nicht erfahren", sagt Celibidache. "Die Musik ist nicht nur schön. Das Schöne ist der Köder zur Musik. Musik ist wahr." Falsch: Natürlich hat's die Welt erfahren - oder wie anders sollte Celis Wirken und diese CD-Edition gewertet werden?</P><P>Sergiu Celibidache, Münchner Philharmoniker (15 CDs, EMI).</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare