Balkon und Sternenhimmel

- "Echokammern" auf oder zu - das ist hier, im Kunst- und Kongresszentrum Luzern (KKL), die Frage. Ein Knopfdruck genügt, und das (Klang-)Volumen des 40 Meter langen, 22 Meter breiten und ebenso hohen Konzertsaales wird durch Aufklappen der Seitenwände vergrößert, im Extremfall um ein Drittel. Egal ob solche akustischen Möglichkeiten die Dirigenten interessieren, sie zum "Mitspielen" animieren oder kalt lassen, eins ist klar: Alle Musiker schätzen eine wohlklingende Halle. Und so freuten sich auch Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dass sie bei den Osterkonzerten des Lucerne Festivals vergangenes Wochenende den Konzertsaal erproben durften.

<P>Der große Saal erinnert an einen mächtigen Schiffsbauch: Das Publikum sitzt im Parkett wie im Maschinenraum, auf den vier Balkonen wie an Deck, und darüber wölbt sich ein nächtlicher "Sternenhimmel". Das direkt am Ufer des Vierwaldstättersees gelegene, 1998 eröffnete KKL entwarf der französische Stararchitekt Jean Nouvel, den Konzertsaal konzipierte der renommierte New Yorker Akustiker Russell Johnson.<BR><BR>Bei den kommenden Lucerne Festivals werden Jansons und die BR-Symphoniker reichlich Gelegenheit haben, den Saal auszutesten als "orchestra-in-residence". Also als ein Ensemble (wie Wiener, Cleveland, Concertgebouw, Staatskapelle Berlin), das drei Jahre lang Ostern und im Sommer mehrere Konzerte spielen darf. Herausgefordert von der internationalen Konkurrenz.<BR><BR>Alternative zu Salzburg</P><P>Denn dass sich beim Lucerne Festival der Welt beste Solisten ein Stelldichein geben, gehört seit Jahrzehnten zum Konzept des 1938 initiierten Musik-Festivals. Direkt nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland luden damals die Schweizer Toscanini ein und boten ihm so eine Alternative zu den Salzburger Festspielen. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks musizierte erstmals 1965 in Luzern, gastierte dort mit Rafael Kubelik, später auch mit Colin Davis.<BR><BR>Nun stand Mariss Jansons am Pult: Er hielt Mahlers Kindertotenlieder mit einer unsentimental-schlank, eine Spur unpersönlich singenden Lilli Paasikivi zart in der Schwebe und entlud hernach Bruckners Vierte diesseitig kraft- und temperamentvoll. Zu Gast in Luzern war auch Nikolaus Harnoncourt, der die unbekannte Telemann-Kantate "Der Tag des Gerichts" mit dem Concentus Musicus Wien, dem Arnold-Schönberg-Chor und vier Solisten (herausragend: Dorothea Röschmann, Olaf Baer) aufführte.<BR><BR>Das Publikum reagierte - wie auch bei den BR-Konzerten - begeistert, und Intendant Michael Haefliger kann zufrieden sein.<BR><BR>Seit 1999 leitet er das Lucerne Festival, das bei einem Gesamtetat von 14,2 Millionen Euro nur 2,6 Prozent öffentliche Subventionen bekommt. Potente Sponsoren machen es dennoch möglich. 85 Prozent der Besucher sind Schweizer. Sie und die ausländischen Gäste, meist Süddeutsche, nehmen das Angebot des mittelalterlichen Seestädtchens gerne wahr. Dabei bietet das geschichtsträchtige Luzern mit seinen hölzernen Brücken und schmucken Kirchen seinen Gästen viel zusätzliche Abwechslung: Kunstfreunde zieht es in die Sammlung Rosengart (Picasso, Miró´, Klee, Braque, Lé´ger), ins Picasso- und Kunstmuseum. Naturfreunde erobern, notfalls auch per Bahn, die Rigi oder den Pilatus oder stürzen sich in nostalgischen Badeanstalten in den See. Sie rudern selbst oder lassen sich gemütlich vorbei schippern an Tribschen, wo einst Richard Wagner "Siegfried" und "Götterdämmerung" komponierte, an Küssnacht und Flüelen - in Gedanken bei Schillers "Wilhelm Tell".<BR><BR>Kurzum, Luzern ist eine Reise wert. Vielleicht schon im Sommer, wenn unter dem Leitgedanken "Freiheit" Spitzenorchester, Kammerensembles und Solisten aus aller Welt, darunter Maurizio Pollini als "artist é´toile" und Harrison Birtwistle als "composer-in-residence" Klassisches und Zeitgenössisches präsentieren: in den Kirchen der Stadt und im Konzertsaal am See mit all seinen akustischen Finessen.</P><P>www.lucernefestival.ch<BR></P><P> </P>

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