Ball paradox

- Eine konservative Regierung - für das deutsche Kabarett war das immer ein gefundenes Fressen. Dem Ausgang der voraussichtlich am 18. September bevorstehenden Bundestagswahl sehen Kabarettisten mit Gelassenheit entgegen.

Dieter Hildebrandt erkennt "die im Hintergrund lauernde Gewissheit, dass es eine Fortsetzung mit anderen Mitteln gibt" - und damit weiter genügend Themen fürs Kabarett. Ein Regierungswechsel werde "nahtlos" sein. "Die Löcher bleiben ja. Wer will sie denn stopfen? Man kann schließlich nicht ein Loch mit einer Lücke stopfen." Mit einem Regierungswechsel verbunden sieht Hildebrandt vor allem einen Generationenwechsel. "Die 68er-Generation ist abgemeldet. Herrn Schäuble haben sie schon entmerkelt." Ein gewisses Vergnügen kann Hildebrandt für den Fall einer großen Koalition nicht verbergen: "Ich würde mich nur freuen für die FDP - dann wären wir die mal vorübergehend los."

"Bundeskanzler ist ja ein Ausbildungsberuf."

Matthias Deutschmann

Auch für Matthias Deutschmann sind die Unterschiede zwischen den Parteien "nicht mehr wie zu Adenauer-Zeiten". "Das ist doch Ball paradox - die CDU ist heute auf dem linken Flügel linker als die Regierung." Durch einen Regierungswechsel würde sich das Kabarett nicht wesentlich verändern. "Die kleinen und großen Parteien machen zweifellos viel Theater, verfügen aber auch nur in Ausnahmefällen über gute Schauspieler", gibt Deutschmann zu bedenken. "Herr Schröder ist ein versierter Mime. Frau Merkel ist es nicht. Aber das kann ja noch kommen, denn Bundeskanzler ist ja ein Ausbildungsberuf."

Deutschmann sieht es als großes Glück, dass er am Tag der Bundestagswahl live bei einem 3sat-Festival "über den Beginn einer neuen politischen Epoche in Deutschland herfallen" kann. "Vielleicht gibt es ja am 18. September so etwas wie eine geistig-moralische Wende", sagt er: "Die letzte - 1982 mit Kohl - hat uns ja immerhin das Privatfernsehen und die 0190-Nummern gebracht." Stolz ist Deutschmann auf seinen Namen: "Damit bin ich eigentlich prädestiniert, sowohl Lafontaine als auch der CDU das Wasser abzugraben."

"Schlimmer kann's nicht kommen - aber ich würde nicht darauf wetten", so Horst Schroth. Einen Regierungswechsel fände er nicht schlecht. "Die Regierung würde ich lieber den ersten 300 Leuten aus dem Berliner Telefonbuch überlassen als denen, die jetzt dran sind." Ob er diesmal allerdings selbst überhaupt wählen geht, weiß er noch nicht: "Joschka Fischer ist der Beweis, dass sich mit Masse kein Vakuum füllen lässt", meint Schroth.

Für den Kabarettisten Mathias Richling berechtigen Wahlen nicht zu Hoffnungen. Sie seien lediglich Ausdruck von Notwehr. "Deutschland wird nicht, sondern bleibt im Herbst so, wie es ist: konservativ", glaubt er. "Denn Rot-Grün hat sich in den letzten Jahren alle Mühe gegeben, eine Politik der rechten Mitte zu machen. Gefährlich könnten der SPD vor allem die linken Abspaltungen werden, zum Beispiel die CDU und die CSU."

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