Ballade aus den Bergen

- Biografien über diesen Mann zu verfassen, ist nicht einfach. Seine Wortkargheit zeugt von einem uneitlen Charakter, der die Kunst und nicht das Ego in den Mittelpunkt rückt, sie macht ihn jedoch unbrauchbar fürs geschwätzige Medienwesen. Und sie zerrt an den Nerven mancher Musiker, die sich mehr "klare Ansagen" erhofften, nicht aber jene berüchtigten, staubtrockenen Probensituationen - die freilich zu intensiven, singulären Partitur-Auslegungen führten. Und wenn einmal ein Buch über Claudio Abbado erscheint, wird es verboten. So wie es 2002 Christian Försch mit "Die Magie des Zusammenhangs" erging. Der hatte sich lässige Recherche und fragwürdige Einschätzungen geleistet, war damit prompt auf heftigen Widerstand des Dirigenten und seiner Anwälte gestoßen.

<P>Ulrich Eckhardt, Ex-Intendant der Berliner Festspiele und der Berliner Philharmoniker, nähert sich dem Phänomen Abbado auf andere, vorsichtige Weise - nämlich von außen. Mit seinen Ko-Autoren widmet er sich in zwölf Essays nicht dem Leben, sondern dem Lebenswerk. Was der Leser also nicht oder nur in Spurenelementen konsumieren darf: Wissenswertes über die Kindheit, die Familie, übers künstlerische Selbstverständnis, auch eine analytische Einordnung in die Interpretationshistorie. Ausgespart wird zudem die Krebserkrankung, von der sich Abbado - siehe der jüngste Auftritt in Luzern - offenbar erholt hat.</P><P>Eine Biografie also? Eher eine Festschrift zum eben gefeierten 70. Geburtstag - zumal die Autoren ihre Texte fleißig und überflüssigerweise mit Kritiken und Eigenzitaten "würzen". Doch auch das ausschließliche Passieren beruflicher Stationen imponiert (mal abgesehen vom fehlerhaften Verzeichnis der Bildlegenden). Wir erfahren viel von Abbados tiefer Freundschaft zu Luigi Nono und Maurizio Pollini, über seinen Einsatz für Neue Musik, über die Zeit beim London Symphony Orchestra und das Eintreten für die Musik Gustav Mahlers. Gestreift wird Abbados Zeit an der Wiener Staatsoper, ausführlich referiert der Karriere-Gipfel bei den Berliner Philharmonikern samt thematischer Zyklen von "Prometheus" bis "Parsifal".</P><P>Zur Sprache kommt überdies Abbados sympathische und fruchtbare "Manie", im Laufe seiner Karriere immer wieder neue Festivals und Orchester zu gründen, wodurch er besonders der Jugendarbeit höchsten Rang einräumte. Dabei, das beobachtete Hans Landesmann, habe Abbado manche Sätze in keiner Sprache verstehen wollen, etwa "Das geht nicht." Oder: "Wir haben kein Geld." Die Begründung des Dirigenten: "Die freie Entfaltung der schönen Künste ist nicht ein luxuriöses Resultat von gesellschaftlichem Reichtum, sondern umgekehrt: Die Kultiviertheit schafft erst den Reichtum." Ein einziges Mal, im allerletzten Beitrag, in Irene Disches "Ballade vom unbekannten Jungen", wird Abbados Innerstes beleuchtet. Eine kleine Geschichte aus den Schweizer Bergen: Ist's Märchen? Ist's Realität?</P><P>Das spielt im Grunde keine Rolle, sagt doch dieser berührende Text mehr aus über Claudio Abbado als manch gewaltige Fakten-Parade. Der Musikfan wartet also weiter - auf möglichst viele Auftritte des Unvergleichlichen. Und auf eine kritische Biografie.</P><P>"Claudio Abbado - Dirigent". Hrsg. von Ulrich Eckhardt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin. 198 Seiten, 24, 90 Euro.</P>

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