Ballastfrei in die Mythosmärchenzone

Dorns „Rheingold“-Inszenierung in Genf

Mit Jubel und rhythmischem Klatschen ist in Genf Dieter Dorns Inszenierung von Richard Wagners „Rheingold“ gefeiert worden. Doch dieser „Ring des Nibelungen“, darüber täuscht der Premierenerfolg im Grand Théâtre etwas hinweg, ist noch steigerungsfähig.

Leid tut einem dieser Göttervater. Nicht weil zwei Opern später Sohn und Enkel gemeuchelt sind, auch nicht, weil es ihn in der Dämmerung dann selbst erwischt, nein: Tom Fox kann noch so imponierend von prächtiger Glut und prangender Burg singen – alle Augen richten sich auf den schwarzen Gnubbel. Der wächst und wächst, wird rund, prall und groß und entschwebt schließlich gen Schnürboden. Im daran hängenden Korb, hier ein Karton: die Götter, amüsiert, stolz. Ja, eine Ballonfahrt, die ist lustig. Und ein Coup für die darob kindlich staunende Wagner-Gemeinde.

Ein solch luftig-leichtes „Rheingold“-Finale ward noch nicht gesehen. Und dieses Gefährt steigt ja nur, weil viel abgeworfen wurde. In erster Linie Gedankenballast und Thesensandsäcke. Alles, was Wagners Opus weniger erhellt denn beschwert, sagt Dieter Dorn. Walhall liegt nun wieder in der Mythosmärchenzone, nicht mehr an der Wallstreet. Die einen, wie Andreas Kriegenburg in München, mögen das als notwendigen Anti-„Ring“ verkaufen, als Entkrampfungsaktion, die dem Konzeptwust entfliehen will. Dorn kann dabei nur mit den Schultern zucken: Er war ja schon immer so.

Die Besetzung

Dirigent: Ingo Metzmacher.

Regie: Dieter Dorn.

Ausstattung: Jürgen Rose.

Darsteller: Tom Fox (Wotan), Corby Welch (Loge), John

Lundgren (Alberich), Andreas Conrad (Mime), Alfred Reiter (Fasolt), Steven Humes (Fafner), Thomas Oliemans (Donner), Christoph Strehl (Froh), Elena Zhidkova (Fricka), Agneta

Eichenholz (Freia), Maria Radner (Erda), Polina Pasztircsák (Woglinde), Stephanie Lauricella (Wellgunde), Laura Nykänen (Flosshilde).

Auch die Erzählmittel, im ewigen Verbund mit Ausstatter Jürgen Rose ersonnen, bleiben dieselben. Die leere Bühne, der rote Leuchtstoff-Rahmen, die kostbaren Gewänder, mit denen die Götter im griechisch-germanisch-asiatischen Stilmix zu Zitaten ihrer selbst werden. Besonders aber das Heranholen des Personals: Viel und bewusst wird auch in diesem „Rheingold“ an der Rampe verhandelt. Man genießt also freie Sicht aufs (Mienen-)Spiel – dies allerdings mit zwiespältigen Ergebnissen.

Denn so richtig hat das Menschenschautheater des Dieter Dorn in Genf (noch) nicht verfangen. Zwei Plakatversionen für die Premiere tragen nach außen, was hinter den Mauern tobte. Auf der einen noch Thomas J. Mayer als Wotan, auf der anderen Tom Fox, der Ersatz. Keine Krankheitsgeschichte, wie geraunt wird, eher eine über viel reisende Solisten, die sich Proben schenken und lieber andernorts Vorstellungen singen. Vom Göttervater bis zum unteren Glied ist das wohl passiert. Für einen Regie-Puzzler wie Dorn, der eben seine Zeit braucht, der Horror.

Manches also in diesem „Rheingold“ wirkt daher nur „gemacht“, weniger erfühlt. Donner, Froh, die Rheintöchter, Mime, über weite Strecken auch Alberich, sie alle kommen übers Flachrelief schwer hinaus. Gesungen wird leidlich bis hochachtbar. Elena Zhidkova (Fricka), Agneta Eichenholz (Freia), auch der haarzerzauste, tuntige Loge des hochpräzisen, nie zu grellen Corby Welch gehören zur Habenseite. John Lundgren als Alberich startet mit schneidend zugespitzter Kraft – die ihm am Ende ausgeht. Alfred Reiter (Fasolt) klingt belegt und hätte lieber mit dem überpräsenten Steven Humes (Fafner) tauschen sollen, als knuffige Bärchen-Riesen sind sie aber Sympathieträger des Abends.

Besonders gern verfolgt man den Wotan des Tom Fox. Seine Nosferatu-Erscheinung, die rau ausgestellten Töne, das ist wunderbar unmajestätisch und wohltuend klischeefern. Dieser Göttervater hat eine Geschichte. Und dass ihn Erda mit Körperkontakt bezirzt, ist dazu nur das i-Tüpfelchen. Eine (Vor-)Geschichte hat auch das ganze Dorn-„Rheingold“. Die Kisten und Kartons, in denen die Rheintöchter hausen, künden davon, ebenso wie die Nornen, die ein Schicksalsseilknäuel über den spiegelnden Boden rollen. Wieder führt Dorn nicht nur vor, wie Geschichte, sondern wie überhaupt Theater aus dem undefinierten Raum erwächst.

Die Handlung

Alberich verflucht die Liebe und gerät so in Besitz des Rheingoldes. Daraus schmiedet er einen Ring, der maßlose Macht

verleiht. Sein Gegenspieler ist Wotan, der sich, als er die

Riesen Fasolt und Fafner für den Bau seiner Burg bezahlen muss, bei Alberich bedient: Er raubt das Gold, um es den Riesen zu geben – und nimmt sich den Ring für den Eigenbedarf.

Alberich verflucht den Ring. Die Riesen verlangen auch diesen Zauberreif, auf den Wotan, von Erda ermahnt, verzichtet. Der Ring fordert sein erstes Opfer: Fafner erschlägt Fasolt.

Bilder sind zu sehen, poetisch und verführerisch, da geben Dorn und Rose die alten Bühnenzauberer, weil sie mit scheinbar einfachsten Mitteln arbeiten. Man ist verblüfft, weil Alberich dank eines Spiegeltricks tatsächlich verschwindet. Man lacht über den spitzzahnigen Drachen, ist geplättet vom bauschenden Regenbogenrundvorhang. Und dann gibt es Momente, die mehr sagen als alle Tricks: Wenn sich Wotan nach dem Ring-Raub sehr, sehr lange an seinem Goldstück weidet, während Alberich den Fluch ausstößt. Nicht der Zwerg ist hier die Hauptsache, suggeriert Dorn, sondern ein selbstverliebter Gott, dessen Pantomime zum starken, stummen Monolog wird.

Wie für Dieter Dorn ist es auch für Ingo Metzmacher der erste „Ring“. Das Orchestre de la Suisse Romande sitzt in diesem Theater sehr tief. Nur unzureichend dringt daher aus dem Graben, worauf der Dirigent zielt. Es ist wohl ein schmuckloses, nebelfreies „Rheingold“. Flott, klar, ohne Pathos, nicht immer sicher koordiniert. Die Akustik bräuchte stärkere Zuspitzungen, Schärfungen, manch Leitmotiv auch größere Aufmerksamkeit. Metzmacher scheut den großen Aufriss – und weiß sich zumindest an diesem Abend einigermaßen im Recht: Die großen Menschendramen des „Rings“ kommen ja noch.

MARKUS THIEL

Weitere Vorstellungen am 12., 15., 18., 21., 24. März; Telefon 0041/ 22/ 322 50 50.

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