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Blick in den Probenraum in Havanna, wo Heidy (2. v. li.) und ihre Kollegen trainieren.

Probenbesuch in Havanna

So tanzt Kuba

Havanna - Das kubanische Ensemble „Ballet Revolución“ vereint unterschiedliche Stile – im April kommt die Truppe nach München. Zuvor haben wir die Proben in Havanna besucht.  

„Un, dos, tres, cuatro, bippeti, bippeti, siete, ocho“, so klingt es, wenn Roclan zählt. Dabei tänzelt er quer durch den Raum: vier große Schritte, sechsmal trippeln, Schritt, Sprung, aus. Ihm folgen vier aufmerksame Augenpaare, zwei Frauen und zwei Männer prägen sich jede Bewegung ein, denn sie müssen sie sofort nachmachen, nun unter dem prüfenden Blick ihres Choreografen.

Roclan Gonzalez Chavez trainiert das Ensemble von „Ballet Revolución“, eine Gruppe von 19 Tänzerinnen und Tänzern, und die Zeit drängt: Die kubanische Nachmittagssonne brennt durch die Fenster ins Probenstudio in Havanna, den Tänzern rinnt der Schweiß von Stirn und Oberkörpern – schon sehr bald beginnt die nächste Tournee, die die Gruppe ins kalte Deutschland, nach Österreich und in die Schweiz führt.

„In dieser Compagnie sind einige der besten Tänzer Kubas“

Leandro beobachtet jede Bewegung seines Choreografen. Der 25-Jährige ist erst seit drei Wochen Teil des Ensembles und sofort ins Training eingestiegen: Sechs Stunden pro Tag, Montag bis Samstag. „In dieser Compagnie sind einige der besten Tänzer Kubas“, sagt er in einer Pause, „das bedeutet für mich natürlich eine Herausforderung“. Das ist bescheiden, ist Leandro selbst doch bereits mit 19 Jahren zum Solisten aufgestiegen.

Er zuckt die Schultern. „Jeder in Kuba wird mit einem Gespür für den Tanz geboren“, sagt er, „aber wenn du wirklich Tänzer werden willst, musst du es studieren.“ Und Roclan? „Er ist so gut – und so schnell! Er macht uns die Figuren einmal vor, und wir müssen sie sofort draufhaben.“ Wenn er tanzt, ist Leandro seine Nervosität jedoch nicht anzumerken: Er läuft, springt, dreht sich, all das mit einer Körperspannung, die die schwierigsten Figuren ganz leicht aussehen lässt. Seine schwarzen Locken fliegen um seinen Kopf, seine Zähne blitzen weiß, wenn er lacht.

Leandro mag Recht haben mit seiner Einschätzung, dass in seinem Ensemble Kubas beste Tänzer versammelt sind, schließlich kommen sie alle von den beiden erstklassigen Tanzschulen des Landes. Doch von einem Haifischbecken ist die Gruppe weit entfernt: Bereitet sich ein Solist auf einen komplizierten Sprung vor, wird er von der Seite angefeuert und bejubelt, ist einem Paar eine schwierige Figur geglückt, ballen auch die anderen vor Freude die Faust. „No competition“, sagt Leandro, „jeder hier weiß, was er kann, und niemand muss sich beweisen. Wenn man gut ist, dann ist das gut für die Gruppe.“

„Der Tanzstil auf Kuba ist schon anders als anderswo“

Seit 2011 tourt „Ballet Revolución“ um die Welt. Heidy war erstmals 2014 dabei, dann nahm sie sich eine Auszeit. Bei der aktuellen Tournee fährt sie wieder mit. „Der Tanzstil auf Kuba ist schon anders als anderswo“, sagt sie, „wir haben harte, kräftige Bewegungen, sehr erdverbunden.“ Heidy ist klein und zierlich, sie ist 29 Jahre alt, sieht aber mindestens zehn Jahre jünger aus. Sie kann federleicht durch die Luft schweben, aber auch stampfen und ihren Körper schwer aussehen lassen, als hätte sich die Gravitation plötzlich verdreifacht. Das ist das Besondere an „Ballet Revolución“: Klassisches Ballett samt Pirouetten und Spitzentanz trifft lateinamerikanische Einflüsse wie Rumba, Mambo oder Salsa, dazu kommen Streetdance-Elemente, Akrobatik und Breakdance.

Dabei ist Choreograf Roclan vor allem die afrokubanische Tradition wichtig: So hat er Figuren eingebaut, die er dem kubanischen Santería-Glauben entnommen hat, einer synkretistischen Religion, der auch einige seiner Tänzer angehören. Getanzt wird zwar zu internationaler Musik von Hozier, Rihanna oder Pitbull – bei den Shows allerdings interpretiert von einer Band aus Havanna. Und die Kostüme hat der Kubaner Jorge Gonzalez entworfen, bekannt als Laufsteg-Trainer aus „Germany’s next Topmodel“ und Juror bei „Let’s dance“.

„Ich brauche Menschen, denen ich vertrauen kann“

Roclan gönnt seiner Gruppe eine kurze Pause, bevor das nächste Stück geprobt wird – es ist brütend heiß im Probenraum. „Ich brauche Menschen im Ensemble, denen ich vertrauen kann“, sagt er. „Wir sind so lange zusammen auf Tour, da darf nichts schiefgehen.“

Ein paar Meter entfernt von ihm sitzen seine Schützlinge an die Wand gelehnt: Yasser fährt sich durch die blondierten Haare, Nadiezhda zupft ihren rosafarbenen Rock zurecht, Yuniet entwirrt seine langen Dreadlocks, Heidy verteilt Wasserflaschen. Der Choreograf nickt, er sieht zufrieden aus. Aber sein linker Fuß wippt schon wieder ungeduldig, es soll weitergehen. Roclan dreht sich um, die Tänzer erheben sich, die Unterhaltungen versiegen. Sie sind bereit.

 

„Ballet Revolución“

gastiert vom 12. bis zum 17. April im Circus Krone in München. Karten unter Telefon: 089/ 54 81 81 81.

Johanna Popp

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