Ballett und Macht

- Hätte es in den 30er-Jahren schon Fernsehen und Promotion gegeben, dann wäre Kurt Jooss mindestens so bekannt, wie Pina Bausch heute einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff ist. Sein Ballett "Der Grüne Tisch", 1932 in Paris preisgekrönt, ist als exquisites Antikriegs-Ballett weltberühmt geworden. Aber nur Insider wissen, dass Pina Bausch bei Kurt Jooss an der Essener Folkwang Hochschule studierte und dass das deutsche Tanztheater eigentlich schon mit seiner Arbeit beginnt. Erst jetzt, 23 Jahre nach seinem tödlichen Autounfall im Mai 1979, legt die Tanzwissenschaftlerin Patricia Stöckemann die erste Jooss-Biografie vor.

<P>Nach achtjähriger Quellenforschung (Jooss-Archiv, Amsterdam), durch Gespräche mit Tänzern von Joossens Folkwang Ballett der 50er- und 60er-Jahre wie Reinhild Hoffmann, Jean Cé´bron, Günter Pick (langjähriger Ballettchef am Münchner Gärtnerplatztheater), aber auch solchen der ersten Stunde, durch Schilderungen der Tochter Anna Markard, Assistentin ihres Vaters, wie auch ihrer Schwester und ihres Bruder, ergeben die über 400 Seiten eine wohltuend klare, durch uneitlen Stil flüssig aufnehmbare, in Teilen regelrecht spannende Lektüre.</P><P>Joossens Arbeit ist ja nicht nur wichtige Tanzgeschichte, sondern zugleich, speziell durch seinen Antifaschismus, auch brisante Zeitgeschichte. Ausführlich behandelt denn auch Stöckemann die rasanten politischen Veränderungen nach Hitlers Machtübernahme im Januar '33, mit Essen als eifrigstem antisemitischem Gefolgsterritorium und Joossens Exil von 1934 bis '39 in der englischen Reformsiedlung Dartington.</P><P>Wegen seines Pianisten Fritz Cohen, den jüdischen Tänzern Ruth Harris und Heinz Rosen (von 1959-69 Ballettdirektor an der Bayerischen Staatsoper) hatte Jooss sich entschlossen, die Einladung der Dartington-Gründer, des Ehepaares Elmhirst, anzunehmen. Wenn es einerseits auch bitter für ihn war, seine Tanzabteilung an der Essener Folkwang-Schule _ die mit den schnell bestallten Jooss-Nachfolgern dann anpasserisch ("die Bewegungschöre") "auf NS-Kurs" geht _ zurückzulassen, erfüllt sich für Jooss mit Dartington im Grunde ein Traum. Denn der Sohn von musisch interessierten Eltern hatte schon immer mit dem Gedanken gespielt, auf dem väterlichen Gut in Wasseralfingen eine Kunstschule zu etablieren.</P><P>Von der frühen kindlichen Inspiration zu tanzen _ mit zehn Jahren führt Jooss seinen ersten selbst entworfenen Tanz "Indisches Gebet" im selbst kreierten Exotik-Kostüm Verwandten und Freunden vor _ bis zu seinem Tod verfolgt Stöckemann dieses reiche, erfüllte, aber auch mit vielen Hindernissen gepflasterte Leben. Alle Stationen kommen eindringlich zu Wort: das Studium bei dem Bewegungsphilosophen Rudolf von Laban, die Begegnung mit Sigurd Leeder, Tanz- und jahrelang auch Lebenspartner von Jooss.</P><P>Die Gründung der Neuen Tanzbühne in Münster mit der estnische Tänzerin Aino Siimola _ die 1929 seine Frau wird, dann Mutter seiner drei Kinder, obendrein beruflich stets rechte Hand _, Fritz Cohen und dem Bühnenbildner Hein Heckroth. Überhaupt würdigt Stöckemann das geradezu leidenschaftliche Interesse des Choreographen am Musiktheater. Es mögen zum Teil diese damals von Jooss schon bewusst aus Handlungsverlauf und musikalischer Gesamtregie heraus erarbeiteten Tanzeinlagen in Opern und Operetten (für Jooss keine "lästige Pflichtübung") gewissermaßen Lernprozesse gewesen sein, die den Tanz für das Theater, für das Schauspielerische öffneten.</P><P>Eingehend wird in seiner Biographie dokumentiert _ per Werkanalysen und reicher Bebilderung seiner vier, dank Anna Markwards Einstudierungen noch weltweit getanzten Ballette "Der Grüne Tisch", "Pavane", "Ball in Alt-Wien" und "Großstadt", aber auch nicht mehr erhaltener Werke _, dass Jooss, anders als die Ausdruckstänzer, immer beides kombinieren wollte: den klassischen Tanz als immer wieder fruchtbaren Formgeber  u n d den freien Tanz als Forschungsfeld, als Schatzkammer für neue Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten.</P><P>Patricia Stöckemann: "Etwas ganz Neues muss nun entstehen _ Kurt Jooss und das Tanztheater". Verlag K. Kieser, München., 478 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 25 Euro.</P><P><BR> </P>

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