Ballett aus Männern und Autos

- Schummerlicht und leises Klacken. Im Kunstverein München. Also kein Dia-Abend bei Onkel Egon im Wohnzimmer, vielmehr ein exzellentes Kunsterlebnis ist uns da vergönnt. Absolut nicht fad, sondern äußerst durchdacht. Hilary Lloyd, 1964 in Halifax geboren, lebt in London. Dem Haus am Hofgarten hat sie eine bemerkenswerte Schau beschert - ausgerechnet mit jenem "Medium", das uns doch arg abgestanden vorkommt.

Aber durch das künstlerische Konzept, das zum Beispiel auch bei München-Kunstpreisträger James Coleman zum Tragen kommt, wird die Besonderheit der Dia-Projektion ausgereizt. Denn sie verbindet in einem schönen Paradox Stillstand und Bewegung.

Lichtwechsel und Klicks

Wie zierliche Plastiken stehen die Apparate hochgebockt und präzise komponiert in den Sälen. Genau festgelegt auch der je Arbeit unterschiedliche Rhythmus des Bilderwechsels. Dadurch entsteht eine Melodie aus Lichtwechsel und Klickgeräuschen. Etwa bei den drei "Stillleben", die in die Ausstellung einführen. Schon hier wird klar: Jedes einzelne Bild, egal ob von einer Margeritenwiese oder den Buchstaben über dem Londoner Laden "Local Boy'z", ist gestaltet und will auch so wahrgenommen werden. Schnappschuss-Ästhetik kommt bei den 80 Diapositiven pro Werk nicht vor. Dieses Bildbewusstsein signalisieren besonders deutlich - und obendrein weiblich spöttisch - die abfotografierten Arrangements von ausgeschnittenen Modefotos: eine Hosentürl-Revue.

Dass Sinnenlust und Intellektualität sich nicht ausschließen, beweist auch Hilary Lloyds Reverenz an Konstruktivismus und Minimalismus. Bunte Tonpapierblätter werden zum einem abstrakten "Bild" gefügt und aus immer anderen Perspektiven aufgenommen. Solch einem Purismus frönt die Künstlerin aber eher selten. Nachdem sie in den 1990er-Jahren in Videofilmen gewissermaßen Stadtleben mit detailliert instruierten Laien inszenierte, sucht sie nun in den Dias eine Balance von Dokumentation und Überhöhung. Daher fügen sich die Angestellten eines Autowasch-Services in dem vierteiligen Werk "Car Wash" zu einer Art Ballett aus Männern und Autos, das sich an den Wänden um den Betrachter herum abspielt. Lloyd übersieht die Armut nicht - im Kontrast zu den oftmals teuren "Schlitten" -, aber sie stellt sie nicht gefühlig aus. Sie erweist ihr künstlerischen Respekt.

Bis 17. September, Di.-So. 11-18 Uhr, Do. bis 21 Uhr; Galeriestraße 4, Tel. 22 11 52.

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