Das Ballett der Namenlosigkeit

- "Träume und Konflikte": Zunächst wartet die 50. Biennale für internationale bildende Kunst in Venedig weniger damit auf als mit Superlativen im Zahlenbereich. 380 Künstler sind vertreten sowie 63 Nationen. Und in der ganzen Stadt trifft der Besucher auf Projekte aller Art - ob nun ein Einzelner wie Jeppe Hein schon am Bahnhof eine Überraschung bereithält, ob von einem Staat wie Singapur, der in den traditionsreichen Giardini keinen Platz für einen Pavillon gefunden hat.

<P>Diese Gärten sind der über hundertjährige Stammplatz der Biennale, wo sich 30 Nationen von Australien bis Uruguay zusammengefunden haben.</P><P>Den Biennale-Machern genügte das seit langem nicht mehr - vor allem, weil die jeweiligen Chefs sich selbst gerne als Kuratoren bewundern lassen möchten. So kamen immer mehr Hallen des Arsenale, der antiken Schiffswert der Serenissima, zum Ausstellungsparcours hinzu. Gelegentlich gab es zudem Präsentationen mit feineren Weihen, etwa im Museo Correr am Markusplatz. Dort verwirklicht heuer der neue Biennale-Direktor Francesco Bonami - Nachfolger des viel gelobten Harald Szeemann - eine Malerei-Schau "Von Rauschenberg bis Murakami", von der noch zu berichten sein wird. Fürs Arsenale (Artikel folgt) hat er sich Kuratoren geholt. Eine der acht Abteilungen gestaltet er selbst - wie auch (zusammen mit Daniel Birnbaum) die Schau "Rekurrenz und Revolution" im Zentralpavillon der Giardini.</P><P>Nicht wirklich gelungen ist Bonami die Darstellung bestimmter Rhythmen in der Kunstentwicklung, eines "Zickzack"-Kurses, wie er es nennt. Es macht sich in den Räumen eher Verwirrung breit, auf was denn nun das Augenmerk zu legen sei: Surreale Ansätze im weitesten Sinne sind auszumachen - mit einem Verweis auf Carol Rama (1918 geboren); Altmeister wie Andy Warhol (Video) oder Mario Merz (Installation) haben ihren Auftritt; und politische Mahn-Zeichen dürfen nicht fehlen. Am Witzigsten ist dabei noch David Hammons "Beten für den Frieden": zwei goldpatinierte Buddhas knien sich gegenüber. Die gefalteten Hände sind durch einen Faden verbunden - an ihm hängt eine Sicherheitsnadel.</P><P>Ansonsten beeindruckt nicht viel. Bonami und Birnbaum haben die Ausstellung mit 47 Künstlern hemmungslos überfrachtet, mit viel Belanglosigkeiten bestückt und schlecht gegliedert. Im Gedächtnis bleiben Tobias Rehbergers lampengroße, bunte Glasbonbons, die nicht nur heiter stimmen, sondern auch den Raum zertupfen. Zwar farbenfroh, aber doch bedrohlich ist Franz Ackermanns Kabinett: ein zersprengter Globus an der Decke, Bruchstücke als kleine Bilder oder als Wandmalerei an der Mauer. Matthew Barney ist nicht mit einem seiner abgefahrenen Filme vertreten, er arrangierte Glastische mit seltsam bepelzten Glasgedecken, in denen zarte Zeichnungen ruhen - venezianisches Glas einmal ganz anders.</P><P>Erstes enttäuschtes Fazit: Das projizierte Graffitto (eines von vielen) von Peter Fischli und David Weiss trifft in diesem Fall schon ein wenig auf Bonami zu: "Es ist das Beste, was ich für meine Mitmenschen tun kann, sie vor mir zu schützen." Da verhilft ihm der Biennale-Untertitel "Die Diktatur des Betrachters" auch nicht zu mehr Sympathien.</P><P>Immerhin hat er aber Christoph Schlingensief, Bayreuth-Regisseur in spe, fabelhaft positioniert. Gleich am Eingang zu den Giardini harren sieben Säulenheilige seiner "Kirche der Angst" auf drei Meter hohen Baumstümpfen aus - 24 Stunden. Furcht vor Terror, Furcht vor Leistungsdruck machen einsam, mag eine mögliche Interpretation sein. Nicht einsam, sondern als Einzelne bedeutungslos - so sieht der Israeli Michal Rovner den Menschen. Auf Videos bedecken Menschen wie Muster die Wand, wimmeln wie Bakterien in den Nährgläsern der Biologen, vollführen Ballette der Namenlosigkeit. Menschen als Klon-Material führt die Australierin Patricia Piccinini gnadenlos realistisch und Ekel erregend vor. Ein ganz "normales" Kind hat zum Beispiel als Kuscheltiere formlose Körperklumpen.</P><P>Spiel und Gewalt thematisieren die Schweizerin Emmanuelle Antille und das tschechische Team "Kamera skura & Kunst-Fu". Vor der johlenden Zuschauermenge hängt reglos der Athlet an den Ringen - in der Haltung des Gekreuzigten. Antille setzt kein Zeichen dieser Art. Sie erzählt Geschichten vom Natur-Idyll, von trauter Gemeinsamkeit, vom Spiel, das in Ernst umschlägt - bis zum Tod.<BR>Auf verzauberte Weise kehrt dieser Traum von heiterer Natur bei den in die San Stae ausgelagerten Schweizer Jörg Lenzlinger & Gerda Steiner wieder. Ein Garten schwebt durch den Kirchenraum. Zaubern kann auch Olafur Eliasson, der den dänischen Pavillon zu einem Erlebnis-Park umgebaut hat. Was und wie sieht ein Insekt mit seinen Facettenaugen? Dunkelheit und glitzernde Kaleidoskop-Überraschungen. Feinsinnige Bauten mit einem Schuss Humor sind auch Pedro Cabrita Reis' Architekturen.</P><P>Weil in den Giardini kein portugiesischer Pavillon vorhanden ist, hat er einfach dort einen eingerichtet. Neonröhren ziehen drinnen ihre ordentliche Bahn, bis sie irgendetwas verwirbelt. Größer und raffinierter ist die Arbeit im alten Kornspeicher (auf der Giudecca), wo eine Art Kulissenstraße das Praktische eines Baus zur Phantasmagorie werden lässt. Frohgemutes bietet ebenfalls Chris Ofili, der den britischen Musen- in einen schwarz-rot-grünen Liebes-Tempel verwandelt hat: Bussis im Farbenrausch.</P><P>Um beim Rauschen zu bleiben: Da ist Island ganz vorne. Man geht an ein Regal mit Wasserfall-Großfotos, zieht eines davon heraus, um es anzuschauen. Brüllend ertönt der Katarakt. Und, zurückgeschoben, verstummt er brav wieder. Da kann das Plätschern der Lagune von Venedig nicht mithalten . . .<BR><BR></P>

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