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Lässiger als früher: Stefanie Kloß und ihre Silbermond-Männer.

CD-KRITIK

Silbermond und ihr neues Album: Eine Platte zum Loslassen

Die Band Silbermond meldet sich mit einer neuen CD und verändertem Stil zurück. Hier die Kritik.

Ein Kellerstudio in einem Hinterhof der Münchner Ludwigsvorstadt. Schwarz-weiße Hocker, darauf etwa 30 Musikjournalisten, Medien- und Handelspartner. Es gibt Wein, Säfte, Häppchen. Gut so, denn die Stars des Abends lassen noch etwas auf sich warten. Doch dann platzen sie herein – Stefanie Kloß und ihre drei Jungs der Band Silbermond. Mit 18 hatten sie in München bei BMG ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben. Jetzt sind sie in die Stadt ihrer aktuellen CD-Firma Sony gekommen, um ihr fünftes Album vorzustellen: „Leichtes Gepäck“.

Der Titel erinnere an die Anfänge, wie die Sängerin – gekürzte schwarze Haare, schwarz umrandete Augen, rotes Holzfällerhemd – gleich zur Begrüßung erklärt. An 2004, als Silbermond als „Band aus Bautzen“ erstmals von sich reden machte. Die vier Musiker veröffentlichten vier Alben, verkauften mehr als fünf Millionen Stück davon – „und plötzlich waren wir 30, in einem Hamsterrad und total überfordert damit, es allen recht zu machen“, sagt Stefanie Kloß, während die Band-Männer still neben ihr stehen.

Weil sie nach dem Werk „Himmel auf“ die Gefahr der schleichenden Routine gespürt hätten, hätten sie kurz Halt gemacht, zurückgeschaut und auf „Reset“ gedrückt, formuliert es die 31-Jährige. Überflüssiger Ballast wurde über Bord geworfen, man konzentrierte sich wieder mehr auf die Musik statt aufs Drumherum, auf den Spaß am Schreiben und entdeckte die gemeinsame Studioarbeit wieder. Herausgekommen, so Stefanie Kloß, sei dabei nach drei Jahren „Leichtes Gepäck“. Sagt es, drückt auf „Play“, wünscht gute Entspannung und lässt die Hörer mit dem Ergebnis allein.

Tatsächlich: Es ist eine Platte zum Loslassen geworden. Thematisch dominiert in den zwölf Songs die Entschleunigung in einer schnellen Welt. Es scheint fast so, als hätten Silbermond ihren alten Song „Irgendwas bleibt“ auf Albumlänge getrimmt. Dazu ein bisschen Mut machen zum Auftakt, Liebe, Trennungsschmerz und Heimat, alles scharf beobachtet und nachvollziehbar. Wie zum Beispiel in „Langsam“, ein Lied, das den Moment des gemeinsamen Aufwachens beschreibt. Poetisch und liebevoll. Wie in Zeitlupe.

Was fehlt, ist eine aktuelle Stellungnahme zu dieser wild gewordenen Welt, gerade von einer sonst sozial so engagierten Combo. „Unser Standpunkt etwa gegen Rechts ist bekannt“, sagt Stefanie Kloß. „Was derzeit passiert, lässt uns nicht kalt, bewegt auch uns. Aber musikalisch hat ein solches Statement einfach nicht auf die Platte gepasst.“

Was auffällt, ist eine musikalische Weiterentwicklung. Die Band klingt mit ihren balladesken und rockigen, hochemotionalen und energetischen, Gitarren- und Schlagzeug-dominierten Stücken immer noch eindeutig nach Silbermond. Aber irgendwie befreiter, lässiger, differenzierter als zuletzt. Sie spielen sogar teilweise mit ihrem Sound, nehmen sich zurück, wabern orchestral („Fische im Teich“), lassen die Gitarren heulen, werden mystisch-träumerisch und schalten die unverwechselbare Stimme Stefanies in den Flüstergang („Heut hab ich Zeit“) – Entschleunigung eben. Oder neue Inspiration?

Produziert wurde die CD jedenfalls nicht von den langjährigen Silbermond-Begleitern Valicon, sondern von einem neuen Team, darunter Silbermond-Gitarrist (und Stefanies Freund) Thomas Stolle. Die vier gebürtigen Bautzener leben mittlerweile in Berlin, sind aber noch öfter in ihrer Heimat. Dieser haben sie nun ein Denkmal gesetzt: mit dem emotionalen „B96“. Das ist die Bundesstraße, die die Hauptstadt mit dem „Hinterwald“ verbindet, wo die „Hoffnung am Gartenzaun“ hängt. Das Lied beschreibt die zwei Gefühlswelten des Nachhause-Kommens, die schönen Erinnerungen, aber auch diejenigen, die wehtun. Stefanie Kloß kennt sie beide: „Meine Eltern haben sich zeitig scheiden lassen, mein Vater ist an Krebs gestorben, als ich 18 war, genau dann, als wir den ersten Plattenvertrag unterschrieben haben. Das prägt ein junges Mädchen.“

Am Ende der CD steht die Empfehlung, trotz Erwachsenwerden die „Zeit zu tanzen“ nicht zu vergessen. Danach berechtigter Applaus im Kellerstudio. Silbermond hören ihn jedoch nicht. Sie mischen sich erst wieder zum gemeinsamen Essen beim nahen Italiener unter die Journalistengruppe. Bei Wein, mit Vitello Tonnato und Tintenfisch tauen auch Stefanies Jungs auf. Schlagzeuger Andreas Nowak erzählt, dass sie die Platte – wie viele andere Bands auch – nicht nur in ihrem Studio in Berlin, sondern auch im besten Studio der Welt (Blackbird) in Nashville eingespielt haben. „Und das live. Heißt: Wir wollten alle Instrumente nicht wie heutzutage üblich nacheinander, vielmehr gleichzeitig aufnehmen. Das bedarf eines sehr gut ausgestatteten Raumes, der fast nur in Nashville zu finden ist, wo die Studiokultur noch leidenschaftlich gelebt wird“, meint der Lockenkopf.

Zwölf Tage hätten sie jeweils von 10 bis 22 Uhr diese Traumbedingungen voll konzentriert und ohne alltägliche Ablenkungen genutzt, von der US-Musikstadt deshalb nicht viel gesehen. Außer am letzten Abend, wie Stefanie Kloß erzählt: „Da sind wir in eine Kneipe, vier Etagen, und auf jeder haben Bands gespielt, alle der absolute Knaller.“ Das muss auf Silbermond abgefärbt haben.

Von Marco Mach

Silbermond: „Leichtes Gepäck“ (Sony);

Konzert am 21. Mai 2016 in der Münchner Olympiahalle, Karten unter Telefon 089/54818181.

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