"Bandenführer Hitler"

- Seine Erinnerungen wollte Joachim Fest nicht als eine Geschichte der Hitler-Zeit verstanden wissen, sondern als deren Widerspiegelung im familiären Umfeld. Akribisch berichtet er über Erlebnis und Eindrücke, beschreibt, wie die "Banalität des Bösen" in die angeblich heile Welt einbricht. Der Leser erfährt viel über das Schicksal einer bildungsbürgerlichen Berliner Familie, die sich dem neuen Zeitgeist widersetzte. Vater Johannes Fest habe immer vom "Bandenführer Hitler" gesprochen.

Und deshalb melde man sich auch nicht freiwillig zum Wehrdienst -wie es Joachim Fest zum Entsetzen des Vaters gegen Ende des Krieges tat, um der SS zu entgehen. Im abschließenden Resümee seiner Autobiografie fragt Fest dann fast provozierend nach den Gründen, warum "ein altes Kulturvolk wie die Deutschen um den politischen Verstand" gebracht worden sei. "Die naheliegendste Erklärung für den Aufstieg des Nationalsozialismus war, daß er wie alle gewaltbereiten und lukrativen Gruppen die Opportunisten anzog", schreibt Fest. "Das bezeugt sowohl das stürmische Überlaufen der sogenannten, nach Hunderttausenden zählenden Märzgefallenen des Frühjahrs 1933 als auch das nahezu spurenlose Verschwinden der Partei 1945. Einer erfolglosen Sache wollte niemand angehört haben."

Dass "kommunikative Beschweigen" der Nazi-Zeit nach 1945 war laut Fest keine bloße Verdrängung. Ernüchterung, Scham und Trotz hätten sich "zu einem schwer durchdringlichen Komplex der Schuldabwehr" gemischt. Überdies konstatiert Fest eine "Neigung zu nachträglich konstruierten Heldenrollen". Und weiter: "Wenn Günter Grass oder einer der ungezählten Selbstbezichtiger auf ihr Schamgefühl deuteten, wollten sie keineswegs auf irgendeine eigene Schuld verweisen, sondern auf die vielen Gründe, die alle anderen hatten, sich zu schämen."

Joachim Fest: "Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 367 Seiten; 19,90 Euro.

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