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Als Einzige im Licht: Fast den ganzen Abend arbeitet Regisseur Michael Thalheimer bei seiner Inszenierung von Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ mit einer Lichtquelle. Der Scheinwerfer erfasst Johanna (Kathleen Morgeneyer), während Königin Isabeau (Almut Zilcher), der Herzog von Burgund (Peter Moltzen), Lionel (Alexander Khuon) und Talbot (Markus Graf, v. li.) im Zwielicht agieren.

Salzburger Festspiele

Im Bannstrahl Gottes

Salzburg - Einen „Buh“-Sturm und Jubel gab es im Landestheater für Michael Thalheimers radikalen Zugriff auf Schillers „Jungfrau von Orleans“. Lesen Sie hier die Kritik:

Als habe er die kräftigen Windböen vorwegnehmen wollen, die kurz nach der Premiere durch Salzburg peitschten: So heftig fegte der „Buh“-Sturm am Sonntagabend durchs Landestheater, bis sich ihm – nicht minder schwach – die „Bravo“-Fraktion entgegenwarf. Michael Thalheimers Zugriff auf Schillers „Jungfrau von Orleans“ (1801 uraufgeführt) spaltete das Premierenpublikum.

Ein Skandal? Nein. Vielmehr eine kluge und stilistisch radikale Sicht auf Schillers Drama. Schlachtengemälde, Kriegsschauplätze, Waffenklirren – all das interessiert den Regisseur dieser Festspielproduktion nicht, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Theater Berlin entstanden ist und dort am 27. September herauskommt. Ein paar Schwerter und eine Krone genügen Thalheimer zur historischen Verortung, seine Schauspieler lässt er zurückgenommen agieren. Der Regisseur hat das Stück auf den Kern reduziert, ganz auf Johanna zugeschnitten, der Hirtentochter mit dem göttlichen Kampfauftrag. Ein kluges, eindringliches Destillat.

Auf der Bühne geschieht in den zweieinviertel pausenlosen Stunden wenig – und dennoch unglaublich viel. Am vorderen rechten Bühnenrand steht Kathleen Morgeneyer im schlichten, weißen Kleid, das Schwert in der rechten Hand. Ihre Johanna wird sich kaum bewegen an diesem Abend, ihr Blick geht meist über die Zuschauer hinweg ins Nirgendwo. Die einzige Lichtquelle auf der Bühne trifft sie. Ein heller Strahl hebt das Mädchen, das Frankreich von den Engländern befreien soll, aus dem Dunkel hervor. Alle anderen Figuren lässt Thalheimer aus der Finsternis treten: Sie sprechen meist im Zwielicht, sind nur schemenhaft zu erkennen. Mancher Premierengast begriff das als Provokation, dabei ist Thalheimers Idee so simpel wie einleuchtend: Johanna handelt im göttlichen Auftrag, alle anderen müssen sich an sie drängen, wollen sie auch mal im Licht stehen.

Doch birgt der Ansatz natürlich die Gefahr, eher Lesung denn Theater zu sein. Eine unberechtigte Sorge – es wird gespielt, auch wenn nicht alles zu erkennen ist. Durch die radikale Reduktion konzentriert Thalheimer seine Inszenierung einerseits extrem auf Schillers Text – ein Genuss, da von allen Schauspielern gut gesprochen wird. Zum anderen kommt den wenigen wirklich sichtbaren Aktionen hier nun eine besondere Bedeutung zu. So wird Kathleen Morgeneyer etwa, als Johanna ihre Pflicht erfüllt hat und Karl zum König von Frankreich gekrönt wurde, erstmals den Platz im Licht verlassen und in die Dunkelheit gehen. Im Scheinwerferkegel steht nun Karl der Siebente. Und als Johanna den englischen Heerführer Lionel nicht töten kann, weil sich Liebe in ihrem Herzen regt, blickt Morgeneyer zum ersten Mal einen anderen Menschen direkt an. Eigentlich ein harmloser Blick – doch da die Schauspielerin bis dahin so sehr damit geizte, bekommt er Wucht.

Etwas heller wird es auf der Bühne erst, als Johanna von ihren Leuten verbannt wurde, weil diese sie mit dem Teufel im Bunde wähnen, und Gefangene der Engländer ist: Da hat sie der göttliche Strahl verlassen – und der schwarze hohe (Angst-)Raum ist zu erkennen, den Olaf Altmann gebaut hat. Eine Albtraumhöhle.

Denn Albträume sind es, von denen Morgeneyers Johanna kündet. Erstaunlich, was die Schauspielerin leistet. Nur mit der Kraft ihrer Stimme, mit Modulation lässt sie Johannas Leben und Auftrag zu Bildern werden: kindlich-wehmütig nimmt die Hirtentochter Abschied von ihren Herden und der Heimat, barsch-brutal gibt sie ihren göttlichen Auftrag wieder, mitleidlos-kalt bringt sie den Engländern den Tod. Gottes Schlächterin zu sein quält dieses Mädchen – und dennoch kann es sich nicht vergeben, Lionel verschont zu haben. Obwohl Morgeneyer viele Gefühle, Erinnerungen und Ängste preisgibt, die ihre Johanna umtreiben, bewahrt sie ihrer Figur dennoch stets ein Geheimnis. Auch das ein Grund, warum man ihr gebannt zuschaut.

In dieser Inszenierung überzeugen aber auch die anderen Schauspieler, die sich nicht anmerken lassen, dass sie oft im Halbschatten agieren: Almut Zilcher etwa als Königin Isabeau, eine berechnend-irre Hexe, oder Meike Droste, die Agnes, Karls Geliebte, sexy und selbstbewusst zeigt.

Die Rolle des Königs ist dagegen einer der wenigen Schwachpunkte: Strumpfsockig, in langen Unterhosen und im schwarzen Pelzmantel übertippelt Christoph Frankens Karl häufig die Grenze zur Karikatur. Das ist schade, zeichnet sich dieser Abend doch sonst durch wohltuende Ernsthaftigkeit aus.

Für das Ende seiner Inszenierung hat Thalheimer dann ein bemerkenswertes Bild gefunden, das über die Verklärung hinausweist, die Schiller seiner Jungfrau gönnt. Dabei spielt wieder das Licht eine entscheidende Rolle: Morgeneyer steht zitternd auf ihrem Platz am Bühnenrand und wird von unten warm-glühend beleuchtet, flackernd erhebt sich ihr Schatten. Ist das der Feuerschein jenes Scheiterhaufens, auf dem die historische Jungfrau von Orleans im Jahr 1431 als Hexe verbrannt wurde? Hat sich das arme Mädchen in Todesangst alles Vorherige zurechtfantasiert, während bereits Flammen nach ihr griffen?

Michael Schleicher

Weitere Vorstellungen

heute sowie am 1., 2., 4., 5. und 7. August; Telefon 0043/ 662 8045 500.

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