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Im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele: Barbara Mundel.

Neue Intendantin stellt ihre erste Spielzeit an den Münchner Kammerspielen vor

Barbara Mundels Pläne für die Kammerspiele

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Von September an ist Barbara Mundel neue Intendantin der Münchner Kammerspiele. Jetzt hat sie in einem ersten „Update“ ihre Pläne und ihr Team vorgestellt.

Pause ist nicht. Corona hin oder her. „Wir lassen die Wirklichkeit nicht in Ruhe“, verspricht das neue Leitungsteam der Münchner Kammerspiele. Denn: „Sie lässt uns ja auch nicht in Ruhe.“ Am Dienstag hat Barbara Mundel, die von 1. September an Intendantin der städtischen Bühne ist, ihre Vorhaben für die erste Spielzeit präsentiert – gewünschter Starttermin ist der 8. Oktober.

Corona macht die Planung schwierig

Doch wie es so ist mit Kultur in Zeiten der Seuche: Konkret planen lässt sich derzeit wenig. Deshalb sei dieser Vormittag ein erstes „Update“, dem weitere folgen werden. Definitive Premierentage gibt es bislang nicht. Eines indes ist klar – „wir möchten unbedingt spielen“, sagt die künftige Chefin, die diesen Auftritt im Schauspielhaus auch nutzt, um viele Menschen aus der neuen Führungsmannschaft zu Wort kommen zu lassen.

Der erste Spielplan widmet sich der Gegenwart – „wie kann es anders sein?“ Die Stoffe, die hier Theater werden sollen, sind Uraufführungen, unmittelbar zeitgenössisch (etwa Wolfram Lotz’ „Die Politiker“) oder aus dem 20. Jahrhundert. Klassikerpflege? „Wird schon noch kommen.“ Zunächst sollen „Begegnungen mit der Gegenwart“ ausgelotet werden.

Thomas Bernhard und Ernst Toller stehen auf dem Spielplan

Inszeniert werden maximal „moderne Klassiker“: So wird Jan Bosse den großartigen, unlängst erst wieder ins öffentliche Bewusstsein geholten Roman „Effingers“ (1951) von Gabriele Tergit (1894-1982) adaptieren. Jan-Christoph Gockel und Puppenspieler Michael Pietsch richten „Eine Jugend in Deutschland“ (1933) nach der Autobiografie von Ernst Toller (1893-1939) für Mensch und Marionette ein. Und Falk Richter beschäftigt sich mit „Heldenplatz“ (1988) von Thomas Bernhard (1931-1989). Hier wird Edgar Selge zu sehen sein, der als „fester Gast“ ans Haus zurückkehrt.

Mehr als 30 Schauspielerinnen und Schauspieler gehören dem neuen Ensemble an – zwölf hat Mundel von ihrem Vorgänger Matthias Lilienthal übernommen. Einige der von ihm angestoßenen Entwicklungen will die neue Intendantin fortführen. Dazu zählen etwa die Zusammenarbeit mit der Freien Szene, die Internationalität auf und hinter der Bühne („Wir suchen nach fremdartigen schönen Sprachen.“) sowie der Fokus auf Tanz und Musik: Mit dem DJ und „Vinyl-Archäologen“ Sebastian Reier konnte ein Kenner der Szene ans Haus gebunden werden, der zusammen mit den Weilheimer The-Notwist-Brüdern Markus und Micha Acher das enorm erfolgreiche Festival „Alien Disko“ fortsetzen möchte.

Im Kassenraum soll der Koy Koy Kiosk entstehen.

Wie Lilienthal will auch die 1959 geborene Mundel mit dem Theater in die Stadt gehen. Das vielleicht wichtigste Instrument dazu ist der Koy Koy Kiosk, den Lola Fonsèque, Tunay Önder und Keith Zenga King an der Maximilianstraße aufsperren werden – dort, wo heute die Tageskasse untergebracht ist. Mit den „Leuten in der Stadt“ soll hier in den nächsten fünf Jahren ein „postmigrantischer Mehrzweckladen zur Kultivierung radikaler Allianzen“ entstehen, ein Raum, täglich geöffnet mit Essen, Getränken, Gesprächen, Radio, Filmen. Das Ziel laut Ankündigung: „Im Koy Koy finden sich alle ein, die auf der Suche sind nach Wahrheit, Schönheit, Glück und Unglück – mit, aber auch ohne Maserati unterm Arsch.“

München darf auch Theater machen

Hier sind die Münchnerinnen und Münchner also ebenso zum Mittun aufgefordert wie bei Jeremy Dellers Stadtraum-Performance „What is the City but the People?“, für die ein Catwalk auf dem Odeonsplatz aufgebaut wird („Eine Hommage an die Menschen, die ihre Stadt mit Leben füllen!“) sowie beim Projekt „Habitat München“, mit dem Choreografin Doris Uhlich „gängige Vorstellungen von Körper, Tanz und Nacktheit“ sprengen will.

Aber nicht nur das Heute, auch die Stadtgeschichte interessiert die neuen Theaterleute. Regisseurin Christine Umpfenbach, die etwa fürs Residenztheater einst den bedrückenden NSU-Abend „Urteile“ entwickelt hat, startet ein Rechercheprojekt zum Oktoberfestattentat.

„Touch“ ist die erste Premiere in den Kammerspielen

Bleibt die Frage, wann das Virus wieder Bühnenkunst zulässt – und in welcher Form? Die erste Inszenierung unter neuer Intendanz, die im Schauspielhaus Premiere feiern soll, ist die Tanz-Uraufführung „Touch“, die Falk Richter mit der Choreografin Anouk van Dijk erarbeitet. Hier gab’s vor Corona eine Bauprobe – die längst obsolet ist. Richter nimmt’s sportlich: „Wir sind Pioniere. Wir schauen: Wie geht das jetzt?“

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