Barfuß im Schnee

- Eine leidenschaftliche Liebeserklärung, die nicht erhört wird und den Heißsporn in den Selbstmord treibt: Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" dürfte einer der ersten Kultromane gewesen sein. Jules Massenets hoch emotionale Oper "Werther" hatte es etwas schwerer, am Sonntag wartet das Gärtnerplatztheater mit einer Neuproduktion auf. Constantinos Carydis dirigiert, Julia Riegel führt Regie. Die Charlotte singt Ann-Katrin Naidu, gebürtige Stuttgarterin und seit 1996 im Ensemble. Zu ihren herausragenden Interpretationen zählen die Titelpartien in der "Cs|2ard|2asfürstin" und in "Mignon" sowie der Komponist in "Ariadne auf Naxos".

<P>In der Oper wird mehrfach ein Weihnachtslied geprobt. Wie bringen Sie sich in Dezemberstimmung?<BR><BR>Naidu: Es wird viel schneien, und wir haben sogar einen riesigen Weihnachtsbaum auf der Bühne. Am Ende werde ich barfuß durch den Schnee gehen.<BR><BR>Mit der Charlotte haben Sie einige Erfahrung . . .<BR><BR>Naidu: Ich habe fünf verschiedene Produktionen von "Werther" gemacht. Was die musikalische Seite betrifft: Die Genauigkeit, mit der unser Dirigent Constantinos Carydis den Notentext umsetzt, habe ich noch nicht erlebt. Stimmlich ist die Charlotte eine lyrische Partie mit dramatischen Momenten - genau das, was meine Stimme momentan hergibt. Inzwischen finde ich die Rolle nicht mehr schwer.<BR><BR>Und früher?<BR><BR>Naidu: Die Charlotte war eine meiner ersten Partien. Eigentlich unmöglich für eine Anfängerin. Die Souveränität kam erst mit der Zeit. Ich bin früher nicht so bewusst mit meiner Stimme umgeganen, sondern habe mich fast nur von den Emotionen leiten lassen und mich dann geärgert, dass ich am Ende einer Phrase oder Arie auch mit dem jeweiligen Gefühl fertig sein sollte. Und nach der Vorstellung war ich oft vollkommen aufgelöst und habe in der Garderobe erst mal geheult.<BR><BR>Könnte etwas derart Tragisches wie zwischen Werther und Charlotte noch heute passieren?<BR><BR>Naidu: Werther lädt im Grunde, auch wenn er etwas anderes behauptet, alle Schuld auf Charlotte und meint lapidar: Dann sterb' ich halt. Schrecklich. Aber wegen einer unglücklichen Liebe bringen sich heute wohl die Wenigsten um. Da gibt es ganz andere Möglichkeiten der Ablenkung. Heute häuft sich vielleicht der Schritt in die Beliebigkeit: Dann nehm' ich halt die nächste.<BR><BR>Macht es einen Unterschied, ob "Werther" von einem Mann oder, wie jetzt, von einer Frau inszeniert wird?<BR><BR>Naidu: Schon Massenet hat ja den Schwerpunkt auf die Entwicklung Charlottes gelegt. Die Regisseurin und ich haben von Anfang an einen intensiven Dialog geführt. Es war klar, dass ich nach fünf Charlottes ein Profil der Rolle im Kopf habe. Außerdem erfinde ich immer wieder gern kleine Details in der Personenführung, die Freiheit wird mir auch zugestanden. Ich will einfach keine Marionette sein, dafür hab' ich mir zu viele Gedanken gemacht. Grundsätzlich bin ich aber fürs Miteinander: Oper ist kein Feld für Machtkämpfe, das Finden von Gemeinsamkeiten halte ich für fruchtbarer.<BR><BR>Und wann wagen Sie den Schritt zur Regie?<BR><BR>Naidu: Das kommt vielleicht noch, es reizt mich. Aber jetzt lassen Sie mich erst mal singen (lacht). Ich interessiere mich sehr fürs Schauspiel, hier habe ich am meisten gelernt. Aber auch von Sängerinnen wie Waltraud Meier, mit denen ich gearbeitet habe. Diese professionelle Haltung, dass man jede Probe benutzt, um die Rolle weiterzuentwickeln, und dann möglichst zu einem Ergebnis kommt, das gemeinschaftlich entstanden ist, fern von allen Eitelkeiten.<BR><BR>Hätten Sie sich auch einen anderen Beruf vorstellen können?<BR><BR>Naidu: Sicher. Vielleicht Musikredakteurin oder etwas Ähnliches. Aber im Grunde hatte ich Riesenglück. Ich hatte bisher keine Krise, das erste Vorsingen klappte, ich bin jetzt nahtlos im dritten Festengagement, durfte im Nationaltheater und in der Semper-Oper auftreten: alles ein langsamer, aber absolut kontinuierlicher Weg.<BR><BR>Wie hat sich Ihre Haltung zum Singen verändert?<BR><BR>Naidu: Ich bin inzwischen so weit, auch nein sagen zu können. Ich trenne den Job nicht vom Leben, das bin ja immer ich. Seit sieben Jahren bin ich Mutter, dadurch hat sich viel verändert. Ich sehe alles mehr mit innerer Gelassenheit und Ruhe. Theater hat nicht mehr die oberste Priorität - auch wenn ich es sehr liebe.<BR> </P><P> Das Gespräch führte Markus Thiel<BR></P>

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