Bariton Thomas Hampson: „Nie das Publikum unterschätzen“

München - Als „große Ehre" empfindet er es, 100 Jahre nach der Münchner Uraufführung von Gustav Mahlers „Lied von der Erde" eben jenes Werk im Gasteig zu singen. Star-Bariton Thomas Hampson, einer der größten Mahler-Interpreten unserer Zeit, hat sich rar gemacht an der Isar.

Viermal gastiert der 56-Jährige bei den Münchner Philharmonikern, Zubin Mehta dirigiert die Konzerte.

-Ist Mahler der richtige Komponist gerade für unsere zerrissene Zeit?

Ich glaube schon. Andererseits: Wir sprechen immer darüber, ob Komponisten uns heute etwas sagen können. Aber wir verschwenden kaum Energie daran, um zu verstehen, was sie damals mit dem Werk eigentlich bezweckten. Gut, es ist schon ein Phänomen, dass Mahler ein so großes Publikum hat. Es ist fast paradox. Er ist ja kein Meister für Hörfunksendungen à la „Relax mit Klassik“. Es gibt bei ihm einen tief empfundenen Dialog über Sein und Nichtsein. Er spricht eine leidenschaftliche Sprache, die sofort verständlich ist - und zwingt zum engagierten Zuhören. Ein Idealfall in der Kunst.

-Christian Thielemann meint, er bewundere Künstler, die sich von Mahlers Emotion nicht verführen lassen. Ist Mahler ein gefährlicher Komponist?

Gefährlich nicht, eher komplex. Ich begrüße es, dass manche keine Gefühlsbäder nehmen und der Architektur dieser Musik nachspüren. Andererseits: Alles, was Mahler wahrgenommen hat, vom Blatt, das vom Baum fällt, bis zur Todeserfahrung, ist in diese Musik eingedrungen. Sie ist nie absolut. Sie ist profund und banal, spirituell, bedrückt und heiter - alles, was den Menschen eben ausmacht. Ich glaube nicht, dass uns seine Person ohne künstlerische Überhöhung entgegentritt. Er erzählt nicht von sich, das wäre eitel, sondern lässt durchscheinen, was er über die Dinge denkt. Er ist ein aufregender Philosoph. Und es ist kein Zufall, dass er wie Wagner und Busoni am Ende seines Lebens zu einer buddhistischen Haltung gekommen ist: Bei allem, was dir widerfährt - kümmere dich einfach um den Moment, in dem du lebst. Das ist die Botschaft für uns.

-Mussten Sie das auch lernen?

Das hat mir schon manches erleichtert. Dadurch konnte ich viel Ballast abwerfen.

-Wie steuern Sie das? Gerade als Opernsänger leben Sie, bedingt durch die frühe Terminplanung, immer vier, fünf Jahre Ihrer Zeit voraus...

Im Augenblick des Singens gebe ich natürlich alles für diesen Moment. Wobei: Künstlerleben, das klingt immer so romantisch. Es bringt aber irrsinnige Anforderungen mit sich. Wir sind auch Teil einer Industrie, die planen muss. Andererseits lebe ich gar nicht so weit in der Zukunft. Es muss sich schon um ein unglaublich tolles Projekt handeln, dass ich so weit im Vorhinein die Pflöcke einschlage. Mein Kalender ist nicht vom Opernbetrieb allein bestimmt, sondern von Konzerten, Liederabenden, Multimedia-Projekten oder meiner Foundation, mit der das Lied unterstützt wird über Symposien, Forschungsprojekte oder Gesprächskonzerte.

-So wie Sie über Rollen und Repertoire reflektieren: Warum inszenieren Sie eigentlich nicht?

Es gibt ein paar Wege in meinem Leben, die ich ausbauen könnte. Ich habe gerade die Lied-Akademie in Heidelberg gegründet, das nimmt viel Zeit in Anspruch. Man hat mich zum Thema Regie schon gefragt. Ich werde das sicherlich tun. Aber so lange ich noch singen kann... Meine Frau sagt immer: All diese Sachen kannst Du später machen.

-Sind diese vielen Aktivitäten eine Maßnahme, um sich der Mühle des Klassikbetriebs zu entziehen?

Es ist keine absichtliche Flucht. Es ist aber ein Genuss, als, das soll jetzt nicht eitel klingen, anerkannte Klassikpersönlichkeit Zusammenhänge aufzeigen zu dürfen. Vielleicht bin ich manchem wegen meiner vielen Aktivitäten auch zu populistisch. Ich glaube nicht, dass wir unser Klassikgenre in andere Kleider, etwa das der Popmusik, stecken müssen, um die Menschen zu erreichen. Was wir allerdings tun sollten: die Multimedia-Welt nutzen oder die Fähigkeit entwickeln, Musik in einer erklärenden, für alle verständlichen Sprache übers Singen und Musizieren hinaus zu vermitteln. Und diese Verwantwortung nehme ich sehr, sehr ernst.

-...wobei immer von Klassikkrise geredet wird. Dadurch wird das Problem doch verkleinert.

Genau! Es ist eine gesellschaftliche, eine Bildungskrise! Dass Bildung, vor allem von der Politik, nicht als essenziell, sondern als elitär wahrgenommen wird, stört mich wahnsinnig. Ich halte das für absurd. Allerdings: Die größten Feinde des Klassikbetriebs sind die internen. Krisen werden an Verkaufszahlen festgemacht - egal, ob es Karten oder Donuts sind. Mir kann keiner weismachen, dass die Leute weniger Interesse an Klassik haben. In welcher Form man ihnen diese Musik vermittelt, darüber kann man gern lebendig diskutieren. Open Airs im Stadion sind „nur“ ein Ergänzungsprogramm, sie ersetzen nichts. Man darf das Publikum niemals unterschätzen. Ich habe mich nie gescheut, härteste Kost anzubieten.

-Im Klassikbetrieb scheint aber einiges unrettbar verloren. Auch wenn wenige Stars wie Sie Liederabend-Programme nach ihrem Gusto zusammenstellen können: An dieses Genre traut sich kaum ein Veranstalter mehr. Erst stirbt der Liederabend, morgen das Streichquartett.

Ich glaube, die Quartette sind zuerst dran. Es mag Sie überraschen, aber beim Liederabend-Repertoire habe ich nicht unbedingt freie Hand. Was ich grundsätzlich ablehne: Opern-Arien einzubauen, auch wenn das in Amerika gewünscht wird. Es gibt genügend Lieder, die eine vergleichbare Theatralik in den Abend bringen. Im Moment hat dieses Genre aber keine guten Karten, das sehe ich auch.

-Wird es wieder besser?

Derzeit ist alles sehr persönlichkeitsabhängig. Und wir auf dem Podium müssen eben Zusammenhänge verdeutlichen. Vielleicht auch über andere Konzertformen. Damit sind wir wieder beim Bildungsthema. Wenn früher Beethovens „Egmont“-Ouvertüre erklang, war vielen klar, worum es in Goethes Drama ging. Heute wird Musik fast nur noch über den Bauch wahrgenommen. „Beethoven finde ich toll“ - das ist dann so eine Reaktion.

-Nochmals: Sind Sie optimistisch oder pessimistisch?

Pessimistisch in dem Sinne, dass ich mir sage: Trotz aller globaler Vernetzung, trotz immer größerer Zugangsmöglichkeit zu kulturellen Dingen werden wir kleiner und kleiner. Und ängstlicher. Dann sage ich mir: Sei Optimist. Geh’ raus und tu’ was dagegen. Den Leuten sei dabei gesagt: Es ist nicht so schwer, sich der Kunst auszusetzen. Für mich ist sie etwas Alltägliches, und das kann sie für jeden sein.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Konzerte

heute, morgen sowie

am 20. und 21. November;

Telefon: 0180/ 548 18 10.

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