Barocke Bewerbung

- Züchtige Bibelworte und dazu Vesselina Kasarova, das passt nicht ganz zusammen. Und so wurde bald ohrenfällig, dass man Vivaldis "Nisi Dominus" auch mit recht unkeuscher Sinnlichkeit aufladen kann. Sei das Sujet also noch so heilig, die Kasarova macht daraus eine kleine Opernszene (was die Barockmeister ja auch wollten). Mit erotisch vibrierender Piano-Kultur, ganz nach innen lauschend, manchmal auch im Orchesterklang abtauchend - und gipfelnd im mirakulösen Dialog mit der Solo-Violine.

Eine Art Bewerbungskonzert schien dieser heftig gefeierte Abend im Herkulessaal. Denn Mozarts Farnace ("Mitridate") war da nur wie ein Zitat aus dem Stammrepertoire. Nach Amadeus, Rossini & Co. nimmt die Kasarova nun Kurs auf Barockes. Und Händel, das hat sie mit Ausschnitten aus "Ariodante" bewiesen, steht der Stimme gut. Was sich in den Arien auszahlte: Kein Ton verstreicht bei Vesselina Kasarova in Beliebigkeit. Jeder Moment, und da äußert sich die Stilverwandtschaft mit Edita Gruberova, wird daraufhin untersucht, ob noch ein Schweller, eine geschmackvolle Verzierung, ein Farbwechsel oder ein risikoreiches Zurückregeln ins Pianissimo möglich ist.

Registerbrüche wie die gutturale Bruststimme "passieren" der Kasarova nicht, sie sind als Ausdruck gewollt. Und mögen Puristen schon Manierismus wittern: Kaum eine andere Sängerin zwingt so zum Hinhören wie die bulgarische Mezzosopranistin. Ihr Gesang ist Spannung pur.

Das Münchener Kammerorchester unter Christoph Poppen erwies sich weniger als Händel-, eher als Mozart-Ensemble. Die 29. Symphonie des Salzburgers in einer sehr sprechenden, intensiven Deutung musste als Kredit herhalten für zu braven Barock.

Und auch Vesselina Kasarova gelang nicht alles optimal. Ein paar harte Ansätze, ein manchmal zu diskretes Agieren, auch eine gewisse Befangenheit irritierten. Frei gesungen hatte sie sich erst, als der Blick auf den Klavierauszug kaum mehr nötig war. Und man staunte, wie Händel und Gluck ins Swingen gerieten. Oder war irgendwie erleichtert.

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