"Barocke Wachsbildwerke" im Münchner Nationalmuseum

- Wer je in einem von Madame Tussauds Wachsfigurenkabinetten gewesen ist, kennt das etwas beklemmende Gefühl: "Grüß Gott", möchte man den verblüffenden Imitaten sagen, "und entschuldigen Sie, dass ich Sie betrachte". Ähnlich ergeht es dem Besucher jetzt in den Kellergewölben des Bayerischen Nationalmuseums, München: Nicht nur, weil die meisterhaften Wachsbildnisse des Hl. Joseph aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert, welche den Mittelpunkt der Schau um "Barocke Wachsbildwerke" bilden, so lebendig aussehen.

 Sondern vor allem, weil sowohl Raum als auch Rahmen der Ausstellung diesen vollendet sanften Figuren, welche mit liebevoller Behutsamkeit das Jesuskind in Armen halten, eine rührende Intimität verleihen.

Der Raum: Das Münchner Architekturbüro Hild und K stellt die sakralen Bildwerke in majestätisch purpurrote halbrunde Vorhangapsiden wie schützende Umhänge. Der Rahmen: Im Nebenzimmer sind zwei der Wachsbilder in gespenstisch hinterleuchteten Röntgenbildern zu sehen, auf denen, fast schon makaber, sogar die Nägel, mit denen das Wachs auf seinem hölzernen Hintergrund befestigt ist, zu erkennen sind.

Doch bei aller Intimsphäre handelt es sich bei der Schau, das deutet schon ihr Untertitel "Restaurieren und Entdecken" an, um eine Dokumentation: die Restaurierung zweier wertvoller hauseigener Wachsreliefs, "Maria mit dem geneigten Haupt" und "Hl. Joseph mit Jesuskind". Diese weitet sich mit unverhofften Entdeckungen. Sowohl im Stadtmuseum als auch in der Theatinerkirche fanden sich beinahe identische Darstellungen des Joseph, und durch den Vergleich mit zwei ebenfalls ähnlichen Bildern aus Südtirol konnte man schließlich auch den barocken Künstler aller wächsernen Josephsbrüder ermitteln: den Münchner Hofbildhauer Wolfgang Leuthner.

So präsentiert die Schau nun nicht nur stolze zehn der raren Wachsschönheiten, sondern auch die spannenden Ergebnisse ihrer Röntgen- sowie 3D-Laserscan-Analysen. Darüber hinaus bietet sie eine füllige Einführung zum Wachs als künstlerischem Material, vom Kerzenziehen bis hin zur Imitation von Alabaster, Elfenbein und auch Textilien, durch Färbung oder die Beflockung mit Tierfasern.

Teresa Grenzmann

Bis 7. Januar 2007; Tel. 089/ 211 24 01; www.bayerisches-nationalmuseum.de, Katalog: 15,80 Euro.

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