Baselitz: Der befreite Maler

- In einem weißen, unregelmäßigen Oval krümmt sich eine schwarze Gestalt. Nicht wie ein Fötus gelassen der Zukunft entgegen schwimmend, sondern von der Gegenwart zur dürren Figur zusammengepresst. Georg Baselitz sperrt seine Remix-"Ährenleserin" fast ganz in eine undurchdringliche Schwärze, die das Weiß bedrängt. Unten auf dem Bild noch jenes Giftgelb, das einst Judensterne ausspuckte und hier Hakenkreuze. Am oberen Bildrand wuseln sie ebenfalls - rot und wie Ungeziefer, mickrig, aber gefährlich.

Mit der Ausstellung "Baselitz Remix" ist der Kunstabteilung der Münchner Pinakothek der Moderne ein echter Wurf gelungen. Nicht nur weil man die jüngsten Werke des weltweit höchst geschätzten Malers zum Auftakt einer internationalen Tournee zeigen darf, sondern weil diese Präsentation auch ausgesprochen schön geworden ist.

Alte Bilder werden neu

Dass Baselitz Bayern schätzt, bemerken manche nur, weil er bald hier an den Ammersee zieht. Wichtiger ist jedoch, dass er die Staatsgemäldesammlungen schätzt. Deswegen lud er Generaldirektor Reinhold Baumstark und dessen Stellvertreterin und Expertin fürs 20./ 21. Jahrhundert, Carla Schulz-Hoffmann, in sein bisheriges Domizil (Nordrhein-Westfalen) ein. Dort sollten sie seinem Remix-Experiment begegnen. Beide bekennen, dass sie Vorbehalte hatten - wiederaufgewärmte Bilder eines berühmten Malers... Aber die Überraschung war genauso angenehm, wie sie es nun für die Besucher der Pinakothek ist. Die bullige Energie der frühen Bilder, die zum Teil gereizte Nervosität der dann folgenden haben sich zu einer wunderbaren Souveränität sublimiert.

Mitleid fürs Hitler-Würschtl

"Ich mache alles noch einmal querdurch - als Remix", erklärte Baselitz im Gespräch mit unserer Zeitung (18.7.). Und steht dazu, ein Verfahren der so genannten U-Musik zu benutzen. Er griff Motive älterer, zum Teil berühmt gewordener Werke und Werkgruppen auf und malte sie neu - damit ist ein wahrhaftiges "Neu" gemeint. Man begegnet einem gewissermaßen befreiten Georg Baselitz, einem Virtuosen des Malens, einem Heiteren, auch Selbstironischen. Dennoch nicht einem oberflächlich gewordenen Künstler. Da tritt eben kein Routinier auf und greift gelangweilt zum Pinsel, nein, in den Gemälden spricht ein Liebender. Die Liebeserklärung gilt immer nur der Malerei.

Als Junger formulierte er wild, bisweilen verzweifelt ringend, als Alter ist er sich seiner Liebsten ziemlich sicher, daher formuliert er so poetisch wie entspannt. Aber stets mit Ehrlichkeit und Tiefe. Deswegen sollte man sich den Bildern hingeben, ihnen nahe kommen, gerade weil man das Motiv aus den Augen verliert und stattdessen ins Farben-Universum, in die Lust des Pinsels beim Malen eindringt. Ein ausgesprochen sinnliches Vergnügen, das der ausgezeichnet gedruckte Katalog bestens unterstützt.

Wenn der Besucher die weite Treppe hinaufsteigt, luren schon vier witzig Köpfe ("Oberon"), wer da wohl kommt. Humor ist durchaus ein Schlüssel zu Baselitz' uvre. Früher ein etwas bitterer, aber auch heute noch ein bissiger. Das Hitler-Würschtl von damals, an dem nur die Penis-Wurst groß war ("Die große Nacht im Eimer", 1962/ 63) - damals ein Skandalbild -, ist auch 2005 ein scharfer Kommentar und noch plakativer auf Hitler gemünzt. Obwohl man - stärker bei den "Helden"-Varianten - ein gewisses Mitleid spürt. Der junge Baselitz hat eine so radikale Heroen-Dämmerung durchgeführt, dass der altersweise Baselitz jenen pubertierenden Lackeln mit ihren zu kräftigen Händen und Füßen doch noch eine Chance zu geben scheint: Menschen zu werden.

Im ersten Saal werden neben dem "Eimer" in Zweier- und Dreier-Gruppen die Themen angeschlagen, die sich in den angrenzenden Räumen fortsetzen: Figuren; auf den Kopf gestellte Motive; Farbstaffelungen, auf denen nur per schwarzer Linie Erkennbares entsteht; Farb-Gestalten, die von Pinselschlägen teilweise überdeckt werden; "abgerissene" Gliedmaßen.

Eine hervorragende Abrundung für die Schau der 41 Großformate sind die 24 Arbeiten auf Papier: Tusche und Aquarell. Und natürlich die Arbeiten aus den 1960er- bis 90er-Jahren in der ständigen Sammlung.

Bis 29.10., Tel. 089/ 23 80 53 60, Katalog, Hatje Cantz Verlag: 35 Euro im Museum, sonst 49,80 Euro.

Filmbericht: Georg Baselitz - "Remix"

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