Basisarbeit ohne Riesentrommel

- "Wer ist Max Josef überhaupt? Ein bayerischer König? Ah, ok." Dann ist ja alles geritzt, dann sind auch bei Nikolaus Harnoncourt letzte Zweifel beseitigt, mit wem er's da zu tun hat. Nach fünf Stunden Probe sitzen vor ihm auf dem Podium des Münchner Herkulessaals, nein: nicht die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, sondern Schüler. Aus dem Münchner Max-Josef-Stift und aus dem Allgäu-Gymnasium Kempten, ergänzt durch eine kleine Delegation von der Uni Augsburg.

Die Idee entstand unterm Ärmelkanal

"Die Erziehung des Menschen auf Ausbildung zu reduzieren, finde ich eine totale Gemeinheit", ereifert sich der Star-Dirigent, der sich in der munteren Runde sichtlich wohl fühlt. Musik, Literatur, bildende Künste, die würden doch sehr vernachlässigt. Weshalb er auch beim Jugendförderprogramm des BR genau an der richtigen Stelle ist. Bereits in der zweiten Saison werden Workshops zu den Konzertprogrammen angeboten. Das heißt: Die Lehrer bereiten die Werke in ihren Grund- oder Leistungskursen vor, Orchestermusiker schauen vorbei, danach wird eine Probe, später auch das Konzert besucht. Neben diesen Seminaren umfasst das Förderprogramm noch Probenbesuche nach individueller Vereinbarung und, im März 2006, ein Konzert mit Mariss Jansons, bei dem er Orchesternachwuchs dirigiert.

Thema des aktuellen Treffens ist Schumanns Oratorium "Das Paradies und die Peri", das Harnoncourt heute und morgen im Herkulessaal dirigiert. Wie gut die Schüler präpariert sind, zeigen die Fragen. Ob Schumanns Biografie hier eine Rolle spiele, will einer wissen. Ein anderer, ob seine Einstellung zur Familie spürbar sei. Und überhaupt: Warum das tolle Stück in Vergessenheit geraten sei. Bald dreht es sich um das Biedermeier, für Harnoncourt "die verrückteste Zeit überhaupt". Harmlos seien diese Jahrzehnte mitnichten gewesen: "Ich möchte in meinem Haus am liebsten ein Zimmer im Biedermeier-Stil einrichten", schwärmt Harnoncourt, was seine Frau Alice, die nach einer Stunde sanft zum Aufbruch mahnt, jedenfalls nicht sichtbar beunruhigt.

"Schuld" an diesen erfolgreichen Workshops sind übrigens zwei Musiker des Symphonieorchesters. Bratschist Klaus-Peter Werani und Kontrabassist Frank Reinecke, die auch die lockeren Runden moderieren, wollten mit ihrer Aktion "nicht auf die Riesentrommel hauen, sondern einfach Basisarbeit machen". Ihre Idee nennen sie ihr "Kanaltunnelprojekt". Denn einst habe man auf einer Orchestertournee von London nach Brüssel im Zug gesessen, der gerade den Ärmelkanal unterquerte, habe dabei eifrig diskutiert und Pläne geschmiedet. "Und als es wieder hell wurde", so Reinecke, "da wussten wir's dann".

Infos: 089/ 5900-3360.

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