Ein baskischer Vogel

- San Sebastián ist eine malerische Stadt. Eingerahmt wird sie von zwei Buchten mit Sandstränden, die größere wirkt wie eine Mini-Ausgabe der Copacabana. Die meisten Häuser der mit 200 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt des Baskenlandes wurden in den ersten Jahrzehnten nach 1900 gebaut, viele von ihnen im Art-Deco-Stil. Manchmal fühlt man sich in die brodelnde Metropole Madrid versetzt. Der Rest ist überschaubar, ein bisschen wie ein Kurort. Man muss Geld haben, um hier zu wohnen.

<P>Letzte Woche ging es in San Sebastiá´n heiß her: Zum 51. Mal lief das renommierte Filmfestival. Unter der Franco-Diktatur begründet, war es eines der wenigen internationalen Kulturereignisse, eine Chance auch für die Basken (deren Kultur von Franco unterdrückt wurde), um daran zu erinnern, dass es sie noch gibt. Mit Erfolg: Schon Ende der 50er reiste Orson Welles an und drehte einen Film über die Region.</P><P>Überraschender Erfolg für das deutsche Kino</P><P>Zum größten Ereignis wurde Julio Medems neuer Film, in dem Ausschnitte aus Welles' Werk enthalten sind. Unter dem Titel "La Pelota vasca, la piel contra la piedra" (etwa: "Das baskische Ballspiel, die Haut gegen den Stein") hat der Regisseur poetisch-verspielter Autorenfilme eine handfeste politische Dokumentation über seine baskische Heimat gedreht, die im Vorfeld für heftige Kontroversen sorgte. Minister der Madrider Zentralregierung überboten sich in Polemik, ohne den Film überhaupt gesehen zu haben.</P><P>Medem hat in ein Wespennest gestochen. Als er vor Premierenbeginn den Saal betrat, empfing ihn langer Applaus. Auf der Bühne zeigt sich Medem zurückhaltend, aber bestimmt: "Mein Film ist wie ein Vogel, der über Schmerz und Leid fliegt, voller Respekt, aber wohin er will." In wenigen Worten formulierte der Regisseur ein Plädoyer für die Freiheit der Worte und Gedanken.</P><P>Ähnlich lässt sich auch sein Film verstehen: Mehr als 30 Personen, Künstler und Politiker, Opfer und gewaltbereite Aktivisten, hat Medem interviewt, die Gespräche sorgfältig montiert und mit baskischen Liedern unterlegt. Kühl und ohne Zurückhaltung benennt er den Terror der ETA und verweigert sich im selben Moment der in Madrider Perspektive beliebten Gleichsetzung von Nationalismus und Terror. Zusammengehalten wird alles durch den baskischen Nationalsport, dem Squash-artigen Spiel Pelota: In immer wiederkehrenden Zwischenschnitten zeigt Medem Härte und Kunst des Pelota.</P><P>Das alles ist von der ersten Minute an spannend und emotional. Der Film steht für einen Trend vor allem im europäischen Kino, der in vielen Beiträgen erkennbar war: Die Wiederentdeckung des "cinema engagé´e", eines Kinos, das moralisch und politisch klar Position bezieht. Auch Michael Winterbottom steht für diese Tendenz. Dem 42-jährigen Briten, der mit "In this World" 2003 die Berlinale gewann, war eine vollständige Retrospektive gewidmet.</P><P>Gegenüber 2002 sind die Spannungen am Schauplatz des Festivals gestiegen. Kürzlich verkündete der nationalbaskische Ministerpräsident seinen Plan zur "geteilten Souveränität". Von Häusern wehen die Fahnen des unabhängigen Baskenlandes, während man spanisches Rotgelb an Amtsgebäuden vergeblich sucht. Es gibt Vorwürfe gegen den Madrider Apparat _ von Benachteiligung, gar Folter ist die Rede.</P><P>Unberührt davon stand am Ende des Festivals ein Überraschungserfolg des deutschen Kinos: "Schussangst" vom aus Georgien stammenden Regisseur Dito Tsintsadze gewann hier als erster deutscher Streifen überhaupt den Hauptpreis, die "Goldene Muschel". Die Verfilmung des Romans von Dirk Kurbjuweit quillt über von scheinbar beiläufigen Alltags-Beobachtungen, die plötzlich eine Wendung ins Kurios-Surreale bekommen. Zwei Welten - wie in San Sebastián.</P>

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