Wir basteln uns den Schwiegersohn

München - Innerhalb weniger Stunden vom armen Schlucker zum Boss, das geht. Ferenc Molnár schrieb mit „Eins, zwei, drei“ darüber ein Theaterstück. Das Münchner Gärtnerplatztheater bringt die Komödie nun als „Onkel Präsident“zur Uraufführung.

Nein, eigentlich wollte er gar keine Oper mehr schreiben. Drei Werke fürs Musiktheater, dazu die Komplettierung von Alban Bergs „Lulu“ (mit der er zur Legende wurde), das war Friedrich Cerha eigentlich genug. Aber dann passte eben der Stoff so wunderbar, mit dem Librettist Peter Wolf lockte. „Das Verhältnis des Einzelnen zur Macht, die über ihn ausgeübt wird, das ist eigentlich ein Thema aller meiner Opern, ja meines Lebens“, sagt Friedrich Cerha. „Ich wurde antifaschistisch erzogen, bin zweimal desertiert und befand mich immer am Rand der Gesellschaft, erst recht als musikalischer Avantgardist.“

Der Lockstoff, der den jetzt 87-jährigen Doyen nicht nur der österreichischen Musik überzeugte, ist wohlbekannt. Vielleicht weniger als Bühnenstück „Eins, zwei, drei“ des Ungars Ferenc Molnár (1878-1952), wohl aber als Verfilmung von Billy Wilder (siehe Kasten). Molnár schuf die Figur eines Bankdirektors, dem die Tochter eines Geschäftsfreundes anvertraut wurde. Die heiratet heimlich einen Taxifahrer und erwartet ein Kind. Als sich die Eltern ansagen, muss der mittellose Chauffeur innerhalb weniger Stunden zum Ideal-Schwiegersohn umgemodelt werden.

„Nur das Gerüst“, so Cerha, habe seine Oper mit der Vorlage gemein. Der arme Schlucker ist hier ein Fahrradbote, der Firmenchef Präsident eines Stahlkonzerns. Neu ist eine Rahmenhandlung, in der sich der Präsident mit einem Komponisten unterhält. „In ihrem Alter hatte Verdi den ,Falstaff‘ schon fertig“, bekommt der Tonschöpfer zu hören – Cerha hat sich da selbst ins Spiel gebracht.

Die Frage ist ja berechtigt: Warum nur schrecken Komponisten, gerade die der Moderne, vor der Komödie zurück? „Die Komponisten haben nicht das Lachen verlernt“, sagt Cerha, dessen so besondere Ironie schon Stücke bis zur absurden Satire hervorbrachte. „Das Komische braucht eine Gegenständlichkeit, etwas Fassbares, was bei vielen meiner Kollegen nicht mehr so gefragt ist.“ In einer Phase des Musiktheaters, in dem – man nehme nur die Münchener Biennale – das „Alles geht“ zum Credo erhoben wurde, scheint Cerha aus der Welt gefallen. Zum Beispiel mit seiner Konzentration auf den Text. „Im Vordergrund steht das Wort. Deshalb hat die Arbeit am Textbuch bei meinen Opern immer um ein Vielfaches länger gedauert als die Komposition. Wenn ich dann die erste Note niederschreibe, habe ich die Architektur, den Gestus des ganzen Stücks schon im Kopf.“

Es ist ja nicht nur die fehlende Konzentration auf den Text oder das Unkomische. Beim Sinnieren über die zeitgenössische Musik fallen Cerha noch ein paar andere Dinge ein, die er, ganz hintersinnig, der eigenen Zunft unter die Nase reibt. Vieles werde heute toleriert, meint er. „Und es gibt musikalische Bastler, die mitunter interessante Sachen produzieren, aber nicht über das Handwerk verfügen – und trotzdem toleriert werden.“

Für Marco Comin, Chefdirigent des Gärtnerplatztheaters und vertraut mit Uraufführungen, war dies eine neue Erfahrung: Längst vor Probenbeginn war die Partitur fertig. Warum die Moderne kaum Komödien hervorbringt, das sieht er etwas anders: „Das ist einfach Zeichen unserer Zeit, dass etwas Lustiges nicht als Stoff taugen soll. Kunst ist schließlich immer Produkt und Spiegel der Gesellschaft.“ Außerdem rümpfe mancher über das angeblich Leichte die Nase: „Was für ein Missverständnis! Als ob Tiefe immer ein Synonym für Ernst sein muss. Dann dürfte es Mozarts ,Figaro‘ gar nicht geben.“ Die Musik Cerhas, so beschreibt sie Comin, nehme nicht unbedingt die rasante Komödienvorlage auf. „Das ist kein Dauerfeuerwerk“, sagt er. „Aber es ist eine Musik, die selbst an Stellen, wo es weniger rasch vorangeht, eine unglaubliche Spannung entwickelt.“

Comin betrachtet „Onkel Präsident“, der übrigens von Intendant Josef E. Köpplinger inszeniert wird, auch von der Handlung her als zeitgenössisches Stück. „Es ist ein unglaublich bitteres Bild der heutigen Gesellschaft, in der man aus dem Nichts einen Politiker, Künstler oder Unternehmer erschaffen kann – und das letztlich immer aus Profitgründen.“ Er sei nun wirklich kein Moralist, fügt der Dirigent lächelnd hinzu. Natürlich sei es schön, wenn man Geld verdiene. „Aber man sollte es dann auch im anderen Sinne verdient haben.“ Friedrich Cerha, der so gelassene, weise Altmeister, sieht das ähnlich. Eine Karriere „allein auf Basis des persönlichen Tuns“, so etwas finde kaum statt. „Meist wird nachgeholfen durch Manager, Organisationen, Parteien und auch Zeitungen.“

Ob er sich für seine vierte Oper nun an einer neuen, von ihm noch nie gehörten Klangsprache erprobt habe? Cerha weiß nicht so recht. Ja und nein. Einfach, weil das zu seinem nunmehr 70-jährigen künstlerischen Werdegang gehörte. Es gebe schließlich, und da blitzt wieder dieser verschmitzte Humor durch, künstlerische Erscheinungen, die sich immer wiederholten, gerade bei Malern. „Sodass jeder auf 20 Schritt sagt: Ah, das ist von dem oder dem.“ Etwas derartiges habe er immer vermieden. „Die Leute tun sich eben schwer, mich einzuordnen. Das halte ich durchaus für ein Qualitätskritierium.“

Markus Thiel

Uraufführung

am kommenden Samstag im Prinzregententheater; Karten unter der Telefonnummer 089/ 2185-1960.

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