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Wahnsinn des Stellungskriegs: Hier deutsche Soldaten auf dem Schlachtfeld und im Schützengraben an der Westfront.

„Bauchschuß. Kopfschuß.“ - Kriegstagebuch 1914 - 1918

München - Es heißt, er sei ein konservativer Revolteur, ein Militarist und Parteigänger des Nationalsozialismus gewesen. Letzteres war Ernst Jünger mit Sicherheit nicht. Anders als etwa Martin Heidegger oder Gottfried Benn hielt er immer Distanz zu den NS-Demagogen.

Nur als Offizier, was Jünger mit Leib und Seele war, ordnete er sich der deutschen Wehrmacht unter. Das Buch „In Stahlgewittern“ von 1920, in dem er seine Erlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg schildert, machte den damals jungen Autor mit einem Schlag berühmt. Gegen Schluss berichtet er von seinem Lungendurchschuss und seiner wundersamen Rettung. Ärzte haben Jünger ob dieser Kriegsverletzung kein langes Leben vorausgesagt. Wie man weiß, wurde er 102 Jahre alt. In seinen Altersaufzeichnungen „Siebzig verweht“, immerhin fünf Bände, lautet der allerletzte Eintrag: „Die Handschrift ist noch präsentabel - ein alter Krieger zittert nicht.“

An Werk und Person von Ernst Jünger scheiden sich bis heute die Geister. Und wer hierzulande öffentlich für „In Stahlgewittern“ Partei ergreift, gerät schnell in den Verdacht, ein äußerst rechter Rechtsintellektueller zu sein. Jünger hat übrigens „In Stahlgewittern“ mehrfach überarbeitet, sieben unterschiedliche Fassungen gibt es. Nun liegt endlich das „Urgestein“ dieses Buches vor: Ernst Jüngers „Kriegstagebuch 1914- 1918“. Der einfache Soldat und spätere Leutnant Jünger führte stets im Einsatz ein kleines Büchlein bei sich, in dem er den Ablauf des Geschehens festhielt. Später, im gesicherten Rückzugsgebiet, formulierte er das Erlebte aus: „Bauchschuß. Kopfschuß. Gewehrgranaten. Rückzug. Einige fallen. Auf Deckung vor. Hurra! und läuft links und wird vernichtet. Starkes Sperrfeuer. Treibe Leute vor. Schlag am Kopf. Vorbei? Liege über Schlitten blute stark.“ Solch rare, nicht ausformulierte Notizen erinnern an die expressionistischen Wortgedichte, die der Lyriker August Stramm als Hauptmann aus dem Felde schrieb. Die meisten Notate sind allerdings sprachlich genaue Beschreibungen, viele gehen über mehrere Seiten.

Das Buch „In Stahlgewittern“ ist „den Gefallenen“ gewidmet. Das „Kriegstagebuch“ ist „meiner Mutter zugeeignet“: „Hier wirst Du lesen, wie ich mich geschlagen, / Und wenn ich fiel, daß es in Ehren war.“ Beide Male handelt es sich also um Erinnerungs- und Widmungstexte. Nur ist bei „In Stahlgewittern“ fast an jeder Stelle das Heroische herauszuhören, das allerdings nicht zu einer schwammigen Vaterlandstreue verklärt wird, sondern den Wagemut und die militärische Umsicht des „Stoßtruppführers“ Jünger und seiner Männer herausstellt: „Ab und zu, beim Schein einer Leuchtkugel, sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Klinge an Klinge blinken und wurde von einem Gefühl der Unverletzbarkeit erfüllt.“ Solche Sätze wird man im „Kriegstagebuch“ kaum finden. Im Gegenteil. Sehr früh, nämlich 1915, beginnt der Draufgänger und Abenteurer Jünger zu zweifeln: „Vorm Kriege dachte ich wie mancher: nieder, zerschlagt das alte Gebäude, das neue wird auf jeden Fall besser. Aber nun - es scheint mir, dass Kultur und alles Große langsam vom Kriege erstickt wird. Der Krieg hat in mir doch die Sehnsucht nach den Segnungen des Friedens geweckt.“ Doch dann reißt sich Leutnant Jünger am militärischen Riemen und ruft sich zu: „Doch genug der Wachstubenphilosophie!“

Die 14 Hefte der „Kriegstagebücher“ sind wesentlich umfangreicher als „In Stahlgewittern“. Natürlich findet man sehr viele Szenen in den Kriegsheften, die dann „In Stahlgewittern“ ausgearbeitet, manchmal fast wörtlich übernommen wurden. Doch die „Kriegstagebücher“ sind authentisches Material, in Umfang und Genauigkeit einzigartig. Ernst Jünger befand sich von 1914 bis 1918 an sämtlichen Brennpunkten der Westfront, ob in Frankreich oder Belgien. Er hat als Offizier den Wahnsinn der Materialschlachten und des Stellungskrieges hautnah miterlebt und aufgezeichnet: „In letzter Nacht haben wir erst gemerkt, wie viele Tote hier liegen. Wir konnten mit bestem Willen kein Loch graben, ohne auf Leichenhaufen zu stoßen. Hier steckt einer den Kopf heraus, dort einer den Hintern, da ragt ein Arm aus der Erde, dort liegt ein Totenschädel.“ Durch die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der Nazi-Ideologie und der Shoa hat man beinahe das Grauen der modernen Kriegsführung, der Materialschlachten und der Giftgasangriffe im ersten großen Krieg vergessen. Ernst Jüngers „Kriegstagebuch“ führt sie einem schonungslos wieder vor Augen. Verfilmte man diese Kriegshefte, diesen modernen Totentanz, so würde ein solcher Streifen Kriegsfilme wie „Apokalypse Now“ oder „Der Soldat James Ryan“ in den Schatten stellen.

Jünger hat in seinem Alterswerk „Siebzig verweht“ auch den Ehrenkodex der preußischen Offiziere in ein positives Licht gerückt. Doch diese Ehrenhaftigkeit starb nicht erst, als eben diese Offiziere mit fliegenden Fahnen zu Adolf Hitler überliefen. Sie erstarb bereits durch die Unmenschlichkeit der Materialschlachten im Ersten Weltkrieg. Ernst Jünger sagt an einer Stelle in seinem „Kriegstagebuch“: „Manchmal komme ich mir vor wie ein Verbrecher, der unterm Galgen noch den Schaum vom Bier pustet, weil er seiner Gesundheit nicht zuträglich ist.“ Es gibt kein richtiges Leben im falschen - auch wenn es lange währt und die Handschrift niemals zittert.

Ernst Jünger:

„Kriegstagebuch 1914-1918“. Hrsg. v. Helmuth Kiesel mit Kommentar, Editorischer Notiz, Übersicht und Dokumentation. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 655 Seiten; 33,90 Euro.

Ernst Jünger: Leben und Werk in Bildern und Texten. Hrsg. v. Heimo Schwilk. Vollständig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 336 Seiten; 59,95 Euro.

Andreas Puff-Trojan

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