Die Schwimmende Schule von Makoko vor Lagos (Nigeria) ruht auf einem Ponton aus recycelten Plastiktonnen. Foto: Iwan Baan

Bauen für die Menschenwürde

München - Das Architekturmuseum der TU München überrascht mit „Afritecture“ in der Pinakothek der Moderne.

„Schuhe aus“, heißt’s in den Schauräumen des Architekturmuseums der TU München, das mit „Afritecture – Bauen mit der Gemeinschaft“ in die Pinakothek der Moderne lockt. Nicht weil Afrikaner häufig barfuß laufen, sondern weil der Boden der Säle ebenfalls Ausstellungsfläche ist – dafür bleiben alle Fenster unverbaut. Greift das Design-Museum eine nordafrikanische Nomadenkultur auf (siehe nebenstehenden Artikel), erzählt Andres Lepik viele, viele Bau-Geschichten vor allem aus dem Süden, Westen und Osten des Kontinents. Der neue Direktor des Architekturmuseums (A.M.) kann damit endlich seine erste Exposition in München präsentieren. Er war durch die siebenmonatige Rotunden-Renovierung ausgebremst worden (schob aber die Schaustelle an).

Der TU-Professor hatte sich schon vor seiner Berufung nach München für den „Bereich des sozialen Bauens“ interessiert (im New Yorker MoMA). Und die afrikanischen Architekturen hätten bei ihm früh einen „Kulturschock“ ausgelöst, berichtet er. Zudem will er der Frage nachgehen, ob Architekten uns nur Gebäude hinstellen oder ob sie dadurch nicht die Gesellschaft verändern?

Das wollte man in Port Elizabeth nach der Aufhebung der Apartheid 1994 auf alle Fälle. Hier am Südzipfel beginnt die Ausstellung. Port Elizabeth, wo es den heftigsten Widerstand gegen den Unrechtsstaat gab, ist ein Symbol des Apartheid-Ausbeutungssystems: Industrieanlagen und Slum. Die Schwarzen sollten schuften – wo und wie sie wohnten, war den Herrschenden egal. So entstanden die illegalen Townships. Der Grundriss am Boden zeigt, wie dieses Symbol transformiert wurde in eine menschenwürdige Stadt. Deren Symbol ist ein Kulturzentrum für alle (Noero Wolff Architects), in das eine jener Slum-Wellblechhütten eingelassen wurde. Die Hütten stammten übrigens zum Teil aus den alten Concentration Camps für Buren.

Skizzen, Pläne, Fotos, Modelle und Filminterviews mit den Betroffenen unterfüttern die jeweilige Projekt-Erzählung. Das wirkt sehr lebhaft und auf den ersten Blick etwas unübersichtlich. Die Ausstellungsarchitektur von StiftungFreizeit baut dabei buchstäblich auf Pappendeckel. Die linke Bahn der Schau ist den Modellen vorbehalten. Rechts verläuft die Infowand, auf der darüber hinaus Blöcke angeboten werden: Besucher können darin ihre Ideen kundtun. In der Mitte führt der Pfad durch Afrika, teils bezeichnet mit – durchaus kinderfreundlichen – Bildergeschichten. Beispiel: Was ist zu tun, damit die Frauen das Wasser nicht so weit schleppen müssen? Selbst da können Bauleute helfen.

Bei den 26 großen und kleinen Projekten finden sich ebenfalls Süd-Nord-Zusammenarbeiten wie die wunderschöne Handwerkerschule in Malaa bei Nairobi, bei der sich die Münchner TU (Fachgebiet Holzbau) engagiert. Stets geht es um Bauen für eine Gemeinschaft: Kinder, Frauen, Kranke, Arme. Ein Traum ist die Schwimmende Schule von Makoko (Lagos) von NLÉ, elegant die Grundschule in Gando von Diébédo Francis Kéré, der bei uns durch sein Wirken für Schlingensiefs Operndorf bekannt wurde. Feinfühlig erdacht für Mensch und Natur. Das gilt für die meisten „Afritectures“ mit ihren Materialien aus der Umgebung. Und doch herrscht so viel Gewalt.

Simone Dattenberger

14. September bis 12. Januar 2014, tgl. außer Mo. ab 10 Uhr; 14.9. freier Eintritt; Katalog, Hatje Cantz: 38 Euro.

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