Ein Baum wie von Vodafone

- "Man kann es nicht beschreiben. Es sieht nach nichts aus. Da ist gar nichts", sagt Wladimir, als ihn der blinde Pozzo nach der Örtlichkeit fragt. Das mag für jenes Niemandsland gelten, in das Samuel Beckett 1953 seine weltberühmten Figuren in "Warten auf Godot" geschickt hat. Nicht aber für den Ort, an den sie Regisseur Elmar Goerden im Münchner Residenztheater platziert. Gut 50 Jahre nach der Münchner Erstaufführung durch Fritz Kortner mit Heinz Rühmann und Ernst Schröder, gut 20 Jahre nach der ebenso legendären Inszenierung von George Tabori mit Peter Lühr und Thomas Holtzmann, beide Male in den Kammerspielen, hatte nun an Silvester die Parabel auf die Absurdität des Lebens Premiere im Bayerischen Staatsschauspiel. Endlich ist dieser Klassiker wieder in München zu sehen. Wunderbar.

<P>"Wladimir: Reizender Abend. Estragon: Unvergesslich. Wladimir: Und noch nicht vorbei. Estragon: Es sieht so aus." <BR>Aus "Warten auf Godot"</P><P>Die Bühne - in ihrer ganzen Größe weit aufgerissen - ist Außen- und Innenraum zugleich. Ein Medienstandort, irgendwie. Vernetzte Weltödnis, in der Becketts Menschen nicht mehr mit Stricken, sondern durch Kabel gefesselt sind. An der weißen Rückwand, an der hoch oben ein kleines rotes Licht als wessen Auge auch immer leuchtet, eine Karte der fünf Erdteile, bei der schon mal durch Kurzschluss der afrikanische Kontinent wegbricht. Davor eine Stuhlreihe und ein paar Mikrofone. An die tritt zu Beginn des zweiten Akts Wladimir, um das Lied "Ein Hund kam in die Küche" zu singen, zu variieren; wie übrigens mehr als zehn Jahre vor Beckett schon Bertolt Brecht in seinem "Messingkauf" am Beispiel dieser Nonsens-Verse in ähnlicher Weise die Vieldeutbarkeit einer schlichten Handlung fabelhaft komisch durchexerziert hat.<BR><BR>So also haben Goerden und seine Bühnenbildner Silvia Merlo und Ulf Stengl Becketts Anweisung "Landstraße. Ein Baum" interpretiert als einen öffentlichen Schauplatz, sowohl Straße als auch Wartehalle mit einer Lampenbatterie, gelben Sesseln, Pflanzencontainern und einem Baumstamm, der von Vodafone sein könnte.<BR><BR>Dem gemäß sind auch Lambert Hamel als Estragon und Rainer Bock als Wladimir nicht die Gaukler, Landstreicher oder Clowns. Sie sind eher das, was ihnen am meisten liegt. Hamel er selbst; der, wie es großen Komikern zukommt, Bittere, Ernste, der aus der Situation der Verzweiflung ganz sparsam nur ab und an Volten ergreifendster Komik schlägt. Dabei gut gekleidet, Hut mit Feder, teure geflochtene Schuhe. Sein Gesicht - wissend, resigniert, nichts mehr erwartend, nur noch wartend, auf Godot, auf den Tod, wohl kaum noch aufs Leben. Hamel muss gar nicht "spielen". Eine Geste ins Publikum, ein leises Lächeln bloß - darin drückt sich die ganze Wahrheit dieser Figur, dieses Abends aus und lässt die Symbolik des Bühnenbildes zur überflüssigen Überfrachtung werden.<BR><BR>Anders Rainer Bock. Als Wladimir ist er so etwas wie der Animateur für gute Laune, der Berufsoptimist, der Hoffnungsmacher mit Galgenhumor, sich einrichtend in seiner Selbstlüge. Dazu passt der blaue Trainingsanzug, mit dem er über die Bühne watschelt, in dem er sich gehen lassen kann, an dessen Reißverschlüssen er ständig verlegen herumzippelt. Ein wundersam versponnener, liebenswert skurriler Mensch. Glänzend gespielt.<BR><BR>Aber "gespielt". Was wohl der Grund dafür ist, dass Estragon und Wladimir hier nicht als das Paar erscheinen, das sie bei Beckett sind. Das ewig alte Freundespaar, Ehepaar, Theaterpaar, das, wenn sie zueinander passen, miteinander spielt. Und nicht jeder einzeln agiert. Dass es in dieser Aufführung jedoch so ist, liegt auch am Regisseur, der die Beckett'sche Komik der Vielschichtigkeit bewusst reduziert zugunsten des Grundtenors des Stücks, den er zur Grundstimmung seiner Inszenierung werden lässt - die Isolation, die Trauer, der Lebensschmerz, die Gottesfrage. Das gibt dem Abend zweifellos Aktualität und angemessene Heutigkeit. <BR><BR>Den intellektuellen, komödiantischen, absurd-existenziellen Höhepunkt der Aufführung setzt Stefan Hunstein mit seinem großen Denk-Solo des Sklaven Lucky. Wahnwitz zum Entsetzen. Schock zum Totlachen. Szenenbeifall. Zu seinem Antreiber Pozzo "aufgestiegen" ist Arnulf Schumacher, der vor 20 Jahren bei Tabori der Lucky war. Nun darf er sich als Menschenschinder austoben, was er hier auch tut, allerdings etwas zu reichlich.<BR><BR>"Bis zum Äußersten gehn, dann wird Lachen entstehn", wird Beckett im Programmheft zitiert. Die insgesamt geglückte und bejubelte Premiere - vorerst Goerdens letzte in München - markiert ja erst den Anfang. Der Weg bis zum Äußersten setzt sich über viele weitere Vorstellungen fort. Und vielleicht lässt sich mit der Zeit statt der witzig gemeinten Wortspiele "Streithamel" und "Bockwurst" doch wieder zum viel komischeren Beckett'schen "Ober...forstinspektor!" zurückfinden. Es gibt also viele Gründe, sich "Warten auf Godot" ein weiteres Mal anzusehen.<BR></P><P><BR> </P>

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