Die Baustelle erobert

- "Liebes Mädchen mit Bubikopf und glattem Kleidchen!", rief 1926 der Grafikdesigner Walter Dexel. "Wenn du wüsstest, wie abscheulich du dich ausnimmst in eurer Wohnung mit Umbausofa, auf euren Sesseln aus gepresstem Plüsch und allem anderen Drum und Dran." Anschließend wird er sich wieder an seinen Zeichentisch gesetzt haben, um gemeinsam mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Grete Dexel, weiter an einem Bild zu malen, wie es sich in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts herauskristallisierte: das Bild von der "Neuen Frau" - in Denken, Wohnen, Leben.

<P class=MsoNormal>Zeit eines Umbruchs: Die emanzipierte Frau bahnt sich ihren Weg auch in die Männerdomäne der Architektur. Mit einem ganzheitlichen Blick schafft sie progressive Baukonzepte mit einer neuen Lebensqualität. Aus der gleichen ganzheitlichen Perspektive blickt auch die Ausstellung "Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der 20er-Jahre". Aus dem Institut für Bau- und Stadtbaugeschichte der TU Braunschweig, von wo aus Ute Maasberg und Regina Prinz ihr Forschungsprojekt durchführten, ist sie nun in erweiterter Form ins Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne gelangt. In vielen spannenden Zeugnissen - Entwürfen, Büchern, Stoffmustern, Möbeln, Filmen, Fotografien - dokumentiert sie das Ergebnis der beiden Architektur-Historikerinnen: die verschiedenen Persönlichkeiten, Ausgangspunkte, Herangehensweisen.</P><P class=MsoNormal>Mal zweckmäßig, mal fantasierend</P><P class=MsoNormal>Mal zweckmäßig, mal fantasierend - Marlene Moeschke-Poelzig entwarf für Wohnhäuser und Filme. Erna Meyer indes war "Nationalökonomin, Publizistin, Soziologin, Küchenexpertin". In Tel Aviv brachte sie 1935 ein dreisprachiges Kochbuch für Emigranten heraus. Pragmatisch auch Margarete Schütte-Lihotzkys begehbarer Entwurf der "Frankfurter Küche" (1926), in der vom herunterklappbaren Bügelbrett bis hin zur blechernen Suppenteig-Lade alles kompakt untergebracht ist.</P><P class=MsoNormal>Etwa 30 Persönlichkeiten umfasst die aufschlussreiche Ausstellung; Maasbergs und Prinz' Liste der vor 1945 ausgebildeten Architektinnen (demnächst auch im Internet abrufbar) umfasst indes über 1300 Namen! Die Situation ist offensichtlich eine neue, als Anfang des 20. Jahrhunderts plötzlich eine junge Studentin im Hörsaal der Technischen Hochschule Hannover sitzt. Emilie Winkelmann muss ihr Studium noch ohne Diplomprüfung beenden - der Abschluss ist ihr verwehrt -, und auch für ihre Nachstreiterinnen ist der Weg an den Zeichentisch längst nicht mit dem Lineal gezogen: "nach meiner meinung gefragt, habe ich abgelehnt, denn ich arbeite nicht gern mit damen zusammen", schreibt 1929 Konrad Püschel an Walter Tralau. Obwohl ihm die Bauhaus-Studentin Lotte Beese "als tüchtige architektin mit statischen und konstruktiven kenntnissen" durchaus empfohlen worden ist.</P><P class=MsoNormal>Die Münchner Architektin Hanna Loev macht ähnliche Erfahrungen mit der rauen Männerwelt. Sie nimmt diese mit Humor und hält sie karikaturistisch in einem kleinen Büchlein fest. Auf den Fotos von der Baustelle Obing entdeckt man sie zwischen all den Arbeitern nur nach langem Suchen.</P><P class=MsoNormal>In den raumgreifenden Tanzbewegungen einer Mary Wigman fand in den Zwanzigern eine neuartige Architekturbewegung ihren Ausgang; mit dieser eroberten die Frauen auch die Bühne der Baustelle. Und als Nikolaus Sagrekow seinen Inbegriff der "Neuen Frau" porträtierte, da malte er sie als kesses junges Mädchen, breitbeinig und mit kurzem Rock - Beinfreiheit im doppelten Sinne. "Die Neuen kommen!", scheint auch dieses Bild zu rufen.</P>Bis 5. Juni. Di.-So. 10-17 Uhr, Do. 10-20 Uhr. Info: Tel. 089/28 92 24 93. Der Katalog kostet 19,90 Euro.

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