Ein Meisterwerk der Spätgotik: Der Altar von Rabenden wurde in seine Einzelteile zerlegt und restauriert.

Diözesanmuseum Freising

Bayerische Schnitzkunst

Freising - So nahe wird man wohl nie mehr herankommen an den „Altar von Rabenden“. Denn normalerweise steht dieses Meisterwerk der Spätgotik in der Kirche jenes kleinen Ortes im Chiemgau, dem es seinen Namen verdankt.

Über sieben Meter hoch ragt der Altar dort auf, so dass der Besucher die Gemälde und geschnitzten Figuren nur aus der Distanz zu Gesicht bekommt.

Schon deshalb sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, diesen Kunstwerken aus der Zeit von 1515–1520 wortwörtlich auf Augenhöhe zu begegnen: Im Freisinger Diözesanmuseum sind wesentliche Teile des Altars in einer Sonderausstellung als Museumsstücke auf Zeit zu sehen.

Der Anlass: In den vergangenen zwei Jahren wurde der Altar von Rabenden sorgfältig restauriert und zu diesem Zweck vorübergehend in seine Einzelteile zerlegt. Und so sind jetzt die drei geschnitzten Heiligenfiguren aus dem Mittelschrein des Altars ganz genau zu begutachten. Mit ihren realistisch-bodenständigen Gesichtern und knorrig-expressiven Haaren gelten diese Hauptwerke des „Meisters von Rabenden“ (seinen wirklichen Namen kennt man nicht) als Musterbeispiele einer spezifisch bayerischen Ausprägung spätgotischer Bildschnitzerei.

Eine kleine Sensation ist es aber auch, was bei der Restaurierung der Gemälde auf den Seitenflügeln zutage kam, die vermutlich von angestellten Malern aus der Werkstatt des Meisters stammen. Bisher wusste man nur, dass der Altar 1855 von Joachim Sighart, dem Gründer des Diözesanmuseums, restauriert wurde. Nun zeigte sich aber auch durch chemische Analysen, dass die Bilder bereits im Barock einmal übermalt worden waren.

Allerdings nicht, wie sonst üblich, im Stil der damaligen Zeit, sondern fast im Sinne moderner Denkmalpflege: Die barocken „Restauratoren“ hatten sich respektvoll bemüht, die altertümlichen Gestalt der Gemälde weitgehend zu bewahren. Insofern übertreibt Norbert Jocher, Kulturreferent der Erzdiözese München und Freising, nicht zu sehr, wenn er meint: „Die jetzige Restaurierung hat mehr Einsichten gebracht als hundert Jahre wissenschaftlicher Betrachtung des Altars.“

Auch in dieser Hinsicht sind die Restaurierungs-Kosten in Höhe von 230 000 Euro (die Hälfte davon trägt die Erzdiözese) eine sinnvolle Investition. Dabei hatte alles mit einem Schock begonnen: Lange Jahre galt der Hochaltar von Rabenden als einer der besterhaltenen Flügelaltäre Bayerns: Bis 2004 unversehens einer der Seitenflügel abbrach, weil das raffinierte Holzzapfensystem innerlich morsch geworden war, das der Meister von Rabenden anstelle von Eisenscharnieren verwendete.

„Wir hatten damals nicht geahnt, dass dieser Altar eine Zeitbombe ist“, erzählt Norbert Jocher. Woran man wieder mal sieht: Es ist keine leere Floskel, wenn gelegentlich behauptet wird, Kunst besitze beachtliche Sprengkraft...

Alexander Altmann

Bis 11. April 2010
Diözesanmuseum Freising, Domberg 21

Di.-So. 10-17 Uhr. Telefon: 08161/ 4 87 90.

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